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Fastenzeit

Fastenzeit2017-07-29T14:37:51+00:00
Kafffe

Fastenzeit
Bekehrung mit dem groben Besen

Die Verspätung des Zuges war so tolerierbar wie ein Pickel auf dem Handrücken.
Ärgerlich, aber zu verschmerzen. Kein echter Grund für Übellaune.
Im Gegenteil, denke ich bei mir, denn es gibt Strecken, da ist die Schiene einfach unschlagbar schnell; wer sich da auf Autobahnen quält, hat ein SM-Outfit im Schrank oder hört sich die Lena-CD auch noch an, die ein verwirrter Gast als Mitbringsel ins Haus brachte.
Als Frühbucher bei der Bahn ist sogar die erste Klasse günstig, also suche ich meinen privilegierten Wagon und mache es mir auf dem reservierten Platz gemütlich.
Ein Buch in Reichweite. Die Beine ausgestreckt. Die Augen geschlossen.
Ein Grunzgeräusch lässt meine Lider hochfahren. Es stammt von einem rotgesichtigen Mann in den mittleren Jahren, der mit BILD-Zeitung und Laptoptasche ausgestattet mir gegenüber Stellung bezieht. Mit heftigen Drehbewegungen seines Beckens schraubt er sein mächtiges Hinterteil in das Sitzpolster.
Ich tauche rasch hinter meinem Buch ab. Realitätsflucht.
Doch noch im ersten Absatz reißt mir die Druckwelle eines dröhnenden Hustens des BILDungsbürgers
mein Buch fast aus den Händen. Ist sicher nicht persönlich gemeint, denk ich bei mir und suche gerade
die verlorene Stelle auf der Seite, als eine neuerliche Brachialsalve – buchgeteilt – links und rechts an mir vorüber fegt.
Mein Eastwoodblick, der sich auf den Verursacher brennt, ist pure Verschwendung. Der Bäffer hatte sich bereits lippenbewegend der vor ihm liegenden Druckversion des Tagesgeschehens zugewandt.
Autogenes Training. Wirkt Wunder.
Schwereübung, Wärmeübung, Atemübung.
Ich atme.
Ein. Aus. Ein wenig zaghaft vielleicht – wer weiß schon, was der Bronchialsaurier da so alles in die Luft gelassen hat.
Ruhe durchflutet mich.
Denke ich jedenfalls für einen Augenblick. Denn selbst Trägern des Schwarzen Gürtels in Autosuggestion wäre derselbe an meiner Stelle geplatzt, als der humunculoide Vesuv vor mir ohne Vorwarnung in Dauereruptionen verfällt.
Warum ich, verdammt! Warum diese Prüfung biblischen Maßstabs.
Biblisch … moment … Diese Heimsuchung – möglicherweise nur, weil ich die Fastenzeit wieder einmal
dankend anderen überlasse? Schnickschnack. Unfug. Riesenmücken.
Riesenmücken?!
Dieses Geräusch: zerrend, sägend, reißend.
Das Buch zum Hieb bereit mit beiden Händen gepackt, irrt mein Blick wild umher. Um wieder – na wo
schon sonst – auf der zweibeinigen Geißel der Bahnfahrer vor mir hängen zu bleiben.
Nun mit Kopfhörern minderster Güte bewehrt, starrt das Röchelmonster auf seinen Laptop; und es waren unzweifelhaft diese Kopfhörer, aus denen das insektoide Kreischen dringt.
Eine DVD-Hülle klärt mich auf, dass der Rechner mit „Mama Mia“ gefüttert wurde, diesem ver-abba-ten
Streifen aus den Alpträumen eines Ed Wood-Verschnitts. Und was aus den Ohrschredderern des sich
offenbar bestens unterhalten fühlenden Virenbiotops mit Lizenz zum Missionieren entweicht, ist Tortur pur.
Als ich seinen Körper sich dann noch linksseitig heben sehe, denke ich nur noch: irreal, das ist doch alles irreal!, aber der charakteristische Ton, der beim Entweichen von Körpergasen entstehen kann, belehrt mich umstandslos eines Besseren. Resigniert falle ich in meine Lehne zurück.
Bevor ich in einen Dämmerzustand verfalle, ist mein letzter klarer Gedanke, dass diese Frühbucherrabatte auch negative Aspekte bergen.
Ich komme außerhalb des Frankfurter Hauptbahnhofes wieder zu mir. Keine Ahnung, wie ich es aus dem ICE hierher geschafft habe. Mein Hotel soll 500 Meter entfernt liegen. Ich sammele also Kraft und frage einen weißhaarigen Mann mit Koboldohren und einem – ja doch, in der Tat: gütigem Lächeln nach dem Weg. Als ich mich auf den gewiesenen Pfad mache, den Koffer polternd hinter mir her ziehend, werfe ich in meinem Hirn die Frage hin und her, an wen mich der Typ mit der etwas gurkigen Nase erinnert hat. Das geht etwa eine Viertelstunde so, als mir zwei Dinge klar werden: das ist erstens unmöglich der richtige Weg und zweitens Benedikt Ratzinger; der wegweisende Lächler. Zumindest sein Stuntman oder so.
Eine befragte Frau macht mir näselnd klar, dass ich die exakte Gegenrichtung hätte einschlagen müssen. Sanft vor mich hinbrabbelnd schlurfe ich retour. Ein weiterer Zufall? Erst der ICE-Poltergeist und dann Benedikt? Möglicherweise trotz allem … das Fastenzeitding?
Der ganze Aufwand für eine Art donnernde Strafpredigt mit mir als singulärer Exklusivgemeinde?
Oh, warte mal. Was bildet ihr Harfenträger und Heiligenscheinständer euch ein, mich bekehren zu wollen! Ärger steigt in mir hoch. Was mir die Kraft gibt, das Hotel doch noch zu erreichen. Mich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen.
Es ist sauber. Und tatsächlich ruhig.
Zu ruhig.
Kaum lag mein Anzug auf dem Bett, sollte ich lernen, was ein Hotel durchmacht, wenn ein Mädchenteam irgendeiner Sportart samt Trainerin und Medizinfrau eine Rest-Etage bezieht und den Flur erst mal locker zur Kommunikationsschleuse deklariert.
Was zu viel ist, ist zu viel. Bekehrt gefälligst einen anderen!
Kampf? Aber gerne doch.
Nach einer so gut wie schlaflosen Nacht unter harmloseren Rufen wie „Denise, leihst du mir ein Haarband“ oder: „Jaqueline, wie geht die Geltube auf“ und mit der Uhrzeit zunehmenden Ausbrüchen purer Bösartigkeit und Sinnentleertheit wie „One, two, three, four: move it!“ sowie mindestens fünfzehn brettlaut verdröhnten „Higher“ eines verschnarchten Taio Cruz samt Anhang, geht die erste Rund klar an die geflügelten Hosiannas.
„Higher“ … als wenn es nicht auch ein wenig subtiler gegangen wäre.
Die halbe Rückfahrt brüte ich über meiner Strategie. Bis mir ein alter Satz einfällt: „Gut zu leben ist die beste Rache“. Oh ja – das sollte passen!
Und da fällt mir – später, gegen Abend – doch auch gleich der richtige erste Spielzug in der Rückrunde ein: Matassa, Cuvée Marguerite 2005.
Ein Wein wie kein zweiter. Die intensive Nase mit leicht oxydativen Aromen von Trockenfrüchten ausgestattet. Haselnuss dabei, Rose, heißer Stein und Zitronenschale im Hintergrund. Im Mund gesellt sich eine lebendige Säure zu all dem hinzu. Kein Darling. Ein außergewöhlicher Wein aus Viognier und Muscat. Originell und schwer zu vergessen.
Ein Krieger für die gute Sache, auch wenn er selbst das nächste Morgenrot nicht erleben wird.
Und damit nichts schief geht, soll sich der „Les Athets“ Chambolle-Musigny 2005 von Tardy dem Streich hinzu gesellen.
Ein Offizier sicher, aber kein Gentleman. Der nimmt sich Zeit, bevor er zu erzählen anfängt.
Man muss schon zuhören können. Tanninbewehrt und zunächst etwas kauzig erscheinend, macht er erst seinen Standpunkt gänzlich klar, nachdem er einige Zeit an der frischen Luft verbracht hat.
Ganz und gar kein Instant-Getränk.
Aber – und das sollte klar sein! – diese Runde, meine lieben Bekehrer, geht klar an mich.
Unentschieden?
Ok. Für’s erste.

Andreas Bürgel