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35 Grad

35 Grad2017-07-29T18:29:16+00:00
Guckloch

35 Grad

Mir will es einfach nicht einfallen. Warum habe ich gerade geduscht?
Vermutlich spielte dabei die Annahme eine Rolle, das wäre ein Weg zu Erfrischung, zu Ermunterung. Aber genau das ist die Spezialität dieses Wetters: es führt Annahmen nur zu gerne in die falsche Richtung. Und lacht sich darauf hingebungsvoll einen Wolf.
Dass ein Hirn keine maximale Außentemperatur für ein leidliches Funktionieren kennt, ist so eine Annahme auf Abwegen. Oder dass der Typ in dem Haus schräg gegenüber einmal damit aufhören muss, unablässig seine unbarmherzige Version des Refrains von „Country Roads“ zu singen. Mit grandioser Stimme übrigens – vorausgesetzt, du stehst auf den Sound hart arbeitender Metallsägen.
Schattige 35 Grad.
Ein Audi Quattro gibt vorne an der Straße Gummi. Der Typ am Steuer hatte just mit seiner Freundin das energiereiche Krakeel-Finale einer Nachmittags-Schmuddel-Talkshow mit einem Thema wie „Sie trägt immer Kleidung in den Lieblingsfarben meiner lesbisch-nymphomanen Schwester“ geprobt; zumindest kam es mir und einem Gutteil der Anlieger im Viertel so vor. Jedenfalls schien das Auto jetzt dringend artgerecht speditiven Auslauf zu benötigen – 30 km/h-Zone hin oder her.
Das alles muss zweifellos ein Kind auf dem Spielplatz inspiriert haben: über satte 20 Sekunden kreischt es ein formidables, dreigestrichenes G. Ian Gillan hätte seine Freude. Die angehörige Mutter gibt rhythmisch keifend ihren Groove dazu.
Sommer in der Vorstadt.
Und der spielt seine eigene Variante „Mensch-ärgere-dich-nicht“. Nichts für Weicheier.
Ich für meinen Teil trete kurz und schaue bewundernd dem „Munich Summer“ von der Crew Republic in meinem Glas beim Haltungbewahren zu, was dem titanenmäßig gelingt. Dabei sinniere ich einer älteren Meldung hinterher, die vor dem Baden in Champagner warnt – macht nämlich respektabel betrunken. 2,6 Promille reines Minimum, frage nicht. So sehr ich mich auch bemühe – und das schon eine ganze Weile – komme ich doch zu keinem hinreichend zufriedenstellendem Ergebnis hinsichtlich der Frage, welche Badewannenform dem Bouquet am ehesten gerecht werden würde. Das ärgert mich. Bis mir aufgeht, dass ich hier nicht als einziger scheiterte; andernfalls ständen Riedel oder Zalto fraglos mit einer entsprechenden Produktreihe auf der Matte.
So kann ich mich ruhig anderen Dingen zuwenden.
Bis mir irgendwann auffällt, dass sich die Dinge verzogen haben müssen, dahin vermutlich, wo es kühler ist.
Was für mich in Ordnung geht.
Wenn jetzt der Apokalypsen-Denver mit seinem neunzehnten Durchgang „Kannntrie Rootz“ noch den entschwundenen Dingen folgen würde – liebend gerne für immer – wäre alles perfekt. Oder wenigstens fast.
Ich glaube, ich gehe dann mal duschen.

Andreas Bürgel