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Sittlich motiviert

///Sittlich motiviert
Sittlich motiviert2017-07-29T17:25:51+00:00
Guckloch

Sittlich motiviert
Definiere Missbrauch

Zunächst war man bei Kirchens stumm geblieben, als sich abzeichnete, dass die profane Gesellschaft nicht aufhören würde, Fragen zu stellen. Nicht, dass man bewusst auf nonverbale Kommunikation gesetzt hätte. Man schaltete einfach auf Autismus.
Imitatio ericii. Die Imitation des Igels, abgekugelt gegen alles Äußere. Schließlich wurden schon ganz andere Sachen ausgestanden. Oder ausgesessen. Und vor allem natürlich: ausgelegt.
Im Auslegen war man routiniert, die unangefochtene exegetische Spitzenkraft. Aussitzen und Auslegen: quasi der bedingte Reflexdoppelpack auf alles Weltliche.
War schon so in den 30ern und 40ern des letzten Jahrhunderts, als der zu Pius gewandelte Pacelli nach ein wenig meditieren (oder wie immer die katholische Variante davon heißen mag) die Politik des Dritten Reiches als mit den Prinzipien der Kirche nicht im Widerspruch stehend erkennen konnte. Oder vor gar nicht so langer Zeit, als ein Episkopos der Catholica mal erwähnte, er sähe keinen Grund, den Holocaust anzuerkennen. Jemand aus der Welt mag sich hier vielleicht empören. Die Kirche hingegen sitzt. Aus. Und wenn es wieder etwas ruhiger ist, beginnt die Exegese.
Im Fall des Holocaustleugners ungefähr so: der Bischof bleibt für die Catholica unangefochten und rein wie die Lehre selbst, weil er eben Kirchenmann ist, nicht Weltenmann. Kirchlich gesehen ist die Weltgeschichte unwesentlich – schließlich ist sie keine Dogmengeschichte. Kirche und Gesellschaft mögen einander ins Gehege kommen, haben aber andere Bezugsgrößen, um die mögliche Evidenz von Sachverhalten anzuzeigen. Was hüben wichtig erscheint, ist drüben nichtig und umgekehrt.
Nun, das leuchtet sofort ein; schon vom modischen Standpunkt aus würden die katholischen Profis in Dienstkleidung in der „Petra“ oder der „Vogue“ nicht mal zu Fastnacht punkten können. Anders herum würde die Schweizergarde ein Lacoste-Design auf dem Papstthron für unangebracht halten.
Auch naturwissenschaftlich gesehen wird es schwer, überein zu kommen. Gilt es ja in der Catholica bekanntlich als platt, Jungfrauengeburten unter medizinischen oder humanbiologischen Gesichtspunkten diskutieren zu wollen und als verfehlt, Verwandlungen von Wein in Körperflüssigkeit unter physikalischen Voraussetzungen zu betrachten.
Das katholische Igeluniversum: perfekt abgestachelt gegen die Welt. Quasi provisorische Außenstelle des Jenseits im Diesseits. Andere Spielregeln, andere Schiedsrichter.
Und wenn dieses Diesseits mit gelben oder roten Karten vor der Nase des Klerus wedeln mag, den ficht es solange nicht an, solange der Wedler kein Kirchenrechtler, Exorzist oder Inquisitor ist. Da wird einfach weitergespielt, und mag die Welt noch so laut ein „Foul“ pfeifen. Wer sich in die Jenseitsfiliale begibt, hat schließlich die dortigen Statuten anerkannt; signed, sealed, delivered. Und überhaupt, selbst wenn man den weltlichen Jargon mal zulassen würde – Missbrauch von Schutzbefohlenen? Da muss doch erst mal geklärt werden, ob die sogenannten Opfer denn überhaupt Schutzbefohlene waren. Wäre so jemand beispielweise mal mit einem Biologiebuch in der Hand über Parthogenese diskutierend erwischt worden,
wäre es vorbei, mit dem Schutzbefehl. Häretiker stehen nicht gerade unter dem Schutz der Catholica, musst du wissen.
Und des einen Missbrauch, ist des anderen Züchtigung. Oder Tröstung. Mit Stecken und Stab.
Oder sonst wie. Jedenfalls sittlich und immer zum Besten der vom Pfad Abgekommenen.
Dass man jetzt aber doch hin und wieder etwas über „Aufklärung“ aus den Kirchenmauern heraus zum Thema hört, liegt im kleinen Exodus des Kirchenvolks. Das beginnt tatsächlich, sich ein wenig abzuwenden, eigene Wege zu gehen, die Kirchensteuer für sich zu behalten. Und weil bei einer solche Kirchenvölkerwanderung ganze Abteilungen des Unternehmens unter die Räder kommen könnten, lässt man die Auslegungen zum Thema lieber ein wenig weltlicher erklären und entschuldigt sich gelegentlich sogar – sichtlich ohne zu wissen, warum eigentlich – und natürlich ganz ohne praktische Folgen, die der Rede wert wären.
Ändern soll das nichts. Es läuft alles nach den bewährten Regeln und mit den personellen Garanten des status quo ante et ante et ante weiter. Ja, warum denn auch nicht?
Verloren hat die eine heilige katholische und apostolische Kirche damit letztlich noch nie.
Von Ewigkeit zu Ewigkeit…
Warum sollte es dann diesmal anders sein?

Andreas Bürgel