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Osterfeuer

Osterfeuer2017-07-29T17:27:03+00:00
Guckloch

Osterfeuer
Brauchtum frisch vom Fass.

Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.
Insbesondere dann, wenn dieser Himmel durchzogen ist mit Schwaden speckigen Rauchs.
Dann hat nämlich das Lüften der Wohnung unwiederbringlich seine Zeit verpasst und das Vornehmen die Fenster zu schließen – und zwar so dicht wie die Autobahn nach Berlin am Wochenende – sollte besser eine Stunde zu früh als zu spät Realität werden. Glaub mir, es ist fatal, am Samstagabend vor Ostern bei der Isolierung deines Hauses zu schlampen.
Es ist der Abend der Osterfeuersbrünste.
Meist schon zieht bereits vor Einbruch der Dunkelheit eine markante Duftmischung aus glühend heißen Bremsbelägen, Spielzeugpistolenknallplättchen und ungeniert vergammelten Bücklingen durch die Lüfte um sich gierig an den Textilien festzukrallen, die nicht rechtzeitig evakuiert werden konnten.
Klar ist hier nicht alles Holz, das brennt. Schon gar nicht, wenn Kalle es mit seinem Zeug mal wieder nicht zur Deponie geschafft hat. (Wer zum Teufel dieser Kalle ist? Wo Osterfeuer sind, gibt es immer irgendeinen Kalle, vertrau mir.)
Feinstaub hält Gipfeltreffen mit Dioxinen – bei wenig Wind über mehrere Tage hinweg.
Hermetisch abgesichert wird dieser Gipfel vor allem durch das Recht auf Brauchtum. Da haben EU-Grenzwerte oder Allergiker so wenig zu melden, wie Stuart Pigott auf Chateau Mouton oder Ralph Siegel in Wacken. Die Feuer sind Tradition, die gibt es, seit ein ausgefuchster Germane seine Kuhhornmütze vom Schädel genommen, sich ausgiebig die Kopfhaut gekratzt und einen Plan gefasst hat, wie er seine Brauerzeugnisse auch in saisonbedingt schwachen Umschlagzeiten an die Mitgermanen bringen konnte: ein Feiertag musste her.
Und da es die alten Germanen weder mit humorlosem Wirtschaftsliberalismus noch mit sturem „ora et labora“ hatten, wurde der Plan, wenngleich simpel, von allen sogleich freudig aufgenommen.
Wem der Feiertag zu widmen ist, war schnell ausgemacht: die Fruchtbarkeitsgöttin Ostara hatte noch keinen. Und außerdem konnte man da hübsche bunte Eier ins Spiel bringen (wegen der Symbolik und der Ästhetik) sowie krosse Kaninchen am Spieß braten (wegen der Symbolik und dem Kohldampf). Noch ein herrlich loderndes Riesenfeuer dazu – echte Hornkopfschmuck tragende Germanen stehen auf sowas. Auf sowas und auf hingebungsvolle Besäufnisse samt realisierbarer Kopulationsoptionen. Und auf eine ordentliche Hauerei unter Brüdern. Voilà: die Geburt eines Brauchtums aus des Brauers Not.
Doch halt, magst du sagen, das war doch alles in barbarischer Vorzeit. Ritualisierte Maßlosigkeit des Trunks, Raufereien, zügellose Libido. Seither ist Westeuropa christianisiert, kultiviert und hat vieles gesehen. Die Aufklärung – die gleich zweimal, mit Kant und Rousseau, später mit Kolle und Uhse -, die Demokratie, Teflonpfannen, Tupper-Parties, Hoola-Hoop-Reifen und Speed-Datings. Da kann man uns doch nicht mehr mit diesen hornmützigen Vormenschen vergleichen.
Und natürlich hast du Recht. Das ist heute eine ganz andere Zeit.

Es ist schon ein wenig später am Abend, als ich beschließe, mich doch noch aufzuraffen. Ein Kumpel aus der fernen Schulzeit ist im Lande. Feiertagsbesuch bei der Familie. Das Osterfeuer wäre die Gelegenheit, sich zu treffen und alte Zeiten zu beleben, sagte er am Telefon. Ich blieb vage, murmelte etwas von Allergie und Feinstaub. Aber die Neugier, was aus dem Typen geworden ist, mit dem ich vor Zeiten zusammen die Bluesharfe quälte und die Klampfe schlug, hat nun doch die Oberhand gewonnen.
Der gerümpften Nase nach spaziere ich dem Brandherd entgegen. Schon aus einiger Entfernung höre ich Marianne Rosenberg quengeln, dass er punktum zu ihr gehöre, desgleichen das verdammte Namensschild unter ihrer Türklingel und dass die drei
fortan alles gemeinsam tun würden, glücklich bis an ihr Ende.
Es waren vielleicht 80 Leute, alle mit einer Flasche Bier, beinahe alle in das Feuer vor den dahinter liegenden Äckern starrend, fast die Hälfte von ihnen irgendwie mit einem Mobiltelefon am Gange – die Dinger sind wie Klemmbretter, hat mein eins dabei, muss man es auch benutzen.
„Gibt es einen besseren Song, um einen tollen Abend zu beginnen“, begrüßt mich der Kumpel von früher, und bevor ich anfangen kann, ernsthaft darüber nachzudenken, ob das wohl ein Scherz gewesen sein könnte, brüllt er mir synchron mit der Rosenberg ein hopfenfrisches „nana naaa na naaa nah!“ entgegen.
Soviel zum angeblich unsterblichen Geist des Blues.
Betreten inspiziere ich das Pflaster, komme aber nur zu der Erkenntnis, dass anwesende kritische Geister die gemeinhin geltende Vermutung, dass Steine härter als leere Bierpullen sind, in Zweifel gezogen und frisch nach einem empirischen Beweis verlangt haben müssen. Mehrfach. Scherben auf dem Platz wie Muschelschalen im Watt.
Seiner voraussehbaren Frage, was ich denn so treibe, folgt – ohne Lücke, in die eine Antwort meinerseits passen würde – ein langgezogenes und himmelwärts ausgestoßenes „Theeeeooooooh!“ aus einem Mund, aufgerissen wie für eine Backenzahnextraktion. Und irgendwie klingt es auch wie bei einer Wurzelbehandlung; ohne Betäubung. Vollmond – ist mein erster, noch schockgefrorener Gedanke, doch – wie mir sogleich klar wird – handelte es sich bei dem Schrei nicht um den Auftakt einer Transmutation ins Werwölfische, sondern um eine spontane Anteilnahme meines Exkumpels an dem mittlerweile laufenden Song, bei dem es um eben jenen Theo mit dem Reiseziel Lodz geht.
Offenbar sollten mal wieder allerlei musikalische Untote in die Nacht entlassen werden.
Mit einem so durchgepusteten Larynx-Pharynx-Bereich erklärt mir mein alter Bluesbruder, wie er vor vielen Jahren nach seinem Studium seine ganz persönliche Anschlussverwendung gefunden habe: als Mitarbeiter bei der BILD, irgendwas mit Sport.
Was soll ich sagen, der Blues lügt eben auch. Und zwar wie gedruckt. Ergeben akzeptiere ich die mir in die Hand geschobene Bierflasche, lehne aber das wie schuppige Monsterraupen aussehende Grillgut ab. „It’s raining men“ plärrt es inzwischen aus der nun großzügig aufgerissenen Anlage und eine Mittvierzigerin mit gedehntem Dekolleté und mintgrünen Leggings plärrt hingebungsvoll mit.
Entweder diese unverstellt präsentierte Musikaffinität oder das sturzbacchanalisch in ihn hineingeflossene Helle muss einem Osterfeuersbruder mit fettig nach hinten gekämmten Resthaaren schlagartig zu der Überzeugung geführt haben, dass er die Dame hingebungsvoll anbetet; die Dame oder deren Strampelhosen – was angesichts der augenscheinlichen Tatsache, dass beides irgendwie unauflöslich miteinander verwachsen sein muss, egal ist. Jedenfalls kann er seinen bewunderungsstarren Blick nicht mehr von ihr nehmen und steuert endlich schnurstracks auf die Gute zu.
Die ist mehr enthusiastisch als rhythmisch am Abhüpfen, wobei ihr ihre Zwanzigzentimeterabsätze sicher keine Hilfe sind. Der bei der Zielperson angekommene Lipidfrisurträger schaltet seinerseits in den Partymodus und hüpft grimassierend frontal zum Dekolleté ausgerichtet mit.
Was Schulkinder meist nicht verstehen wollen: es sind gerade Wissenschaften wie Physik und Chemie, die unser Leben unmittelbar bestimmen. H2CO3, nennen die Chemiker liebevoll das, was andere als Kohlensäure kennen. Wobei die dann meistens das lösliche und somit leicht austretende Gas CO2 meinen. Das geschätzte Prickeln kohlensäurehaltiger Getränke ist diesem Gas geschuldet. Diese neckischen Blubbs finden nun nicht nur im Mundraum, sondern eben auch noch im Magen statt. Wird nun der Magen – etwa durch nervige Sprungbewegungen des Körpers – über die Maßen in Schwingung versetzt, vollzieht sich ein besonders heftiger Gasaustritt. Der Magen kann das Gas nicht halten, es sucht einen Weg hinaus. Nach oben.
Die dem Gelkopf entfahrende, aus satten zwei Litern konsumierten Bieres gespeiste schaumige Eruption einen beachtlich Rülpser zu nennen, würde in etwa einer Bezeichnung des Ehepaars Wulff als kleine Abstauber entsprechen. Was da abgeht ist vulkanistisch, erdplattenverschiebend. Und der Schrei der Frau mit dem mutigen Beinkleid steht den Geräuschen des Humangeysirs in Intensität kaum nach.
Plötzlich ist es, als würden die Weather Girls für einen Moment zu jubilieren aufhören, als würde für den Bruchteil einer Sekunde absolute Stille auf der Welt liegen.
Dann bricht das Chaos aus.
Der Begleiter der Hüpferin schickt Fetthaar per Fausthieb zu Boden. Was Greasies Kumpels nicht unkommentiert wissen möchten, was wiederum die Kumpels des Faustkämpfers auf den Plan ruft. Zu „Marmor, Stein und Eisen bricht“ wird ausgetestet, wie es in diesem Zusammenhang mit Nasenbeinen und anderen Körperteilen bestellt ist.
Es dauert etwa eine Songlänge, da sind die Kombattanten wieder getrennt und eine weitere Songlänge bis alles in etwa wieder so aussieht wie zehn Minuten zuvor. Wenn man von sporadisch auftretenden Beulen am Kopf des einen oder anderen absieht.
Doch im flackernden Schein des Feuers sieht so manche von ihnen aus wie ein schüchtern sich hervorwagendes Kuhhorn.
Und als dann Wolle Petrys unvermeidlicher Singsang vom Wahnsinn über die Felder mäandert, sich mit dem Feinstaub und den Dioxinen vermischt, die Leute ihre Arme mit ausgestrecktem Zeige- und Kleinfinger in den Abendhimmel boxen um dabei ihr „Hölle, Hölle“ zu grölen, da drehe ich mich im Weggehen noch einmal um.
Und mir ist so, als blicke dort hinten durch die Äste der Bäume die gute alte Ostera auf das Ganze.
Mit breitem Grinsen.

Andreas Bürgel

Ostera