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Nüchtern betrachtet

Nüchtern betrachtet2017-07-29T14:34:12+00:00
Karikatur - Johanna Pietrek

Nüchtern betrachtet

«Passt auf: Kommt ein Typ in einen Weinladen, fragt ‹Haben Sie Saumur-Champigny?›. Sagt der Händler: ‹Leider nein. Aber wir führen Bollinger und Taittinger.› Habt ihr’s? Bollinger und …. Gut, was? Premium-Brüller!»
Die Tischrunde sieht das anders, kopiert körpersprachlich eine Schulklasse bei einem Zwangsvortrag über Obstbaumschnitt in der Tang-Dynastie.
«Nicht kapiert?», setzt Gerd nach. «Der Typ hat Saumur-Champagner verstanden, und deshalb …»
«Gibt keinen Saumur-Champagner», unterbricht Jo, «Geographie. Ausserdem wär da der Markenschutz vor – du kannst ja kaum ‹Schampus› sagen, ohne dass dir eine strafbewehrte Unterlassungserklärung ins Haus flattert.»
«Eh klar,» winkt Gerd ab. «Aber auch, dass ihr einen guten Witz selbst dann nicht erkennt, wenn er euch im Treppenhaus anrempelt.»
«Ein Treppenwitz», lacht Pit.
Isa übt sich im Augendrehen. «Ein Hund würde geradewegs ins Sabbelkoma fallen, so abgehangen müffeln deine Witze, Gerd. Echt ein Fall für den Tierschutz.»
«Also», läuft Jo sich derweil verbal warm, «sagt der Hotelgast an der Bar: ich hätte gern eine fränkische Domina.» «Ach hör auf», unterbricht Gerd, doch Jo ist unstoppbar: «Und der Portier so: damit kann ich nicht dienen, aber unser Vernatsch sollte Bestrafung genug sein.»
Alle gnickern, nur Gerd nörgelt, man müsse sich schon extrem tief bücken, um an die Schublade zu kommen, aus der das stamme.
Ja, hier ist Alkohol im Spiel. Da musst du gar nicht erst die leeren Flaschen auf dem Wandbord zählen, da gibt’s nichts zu deuteln.
Wir hatten uns verabredet – eine neue Weinstube. Ich bin zu spät, man hat schon mal angefangen; so enthusiastisch, dass es nun für mich heisst: fix aufholen, oder so tun, als gehörte ich nicht dazu. Da ich bislang ohne Abendessen bin, was das Aufholen rasch zu einem Überholen machen könnte, und mir gerade nicht nach Herumalbern ist, entscheide ich mich fürs Distanzieren, und verlange etwas Alkoholfreies.
Am Tisch werden Köpfe geschüttelt, Schultern gezuckt und ein «Del Fondatore» von Chiarli aus der Flasche gelassen. Der Schankmann bringt mir rosigen Blubber, sagt «alkoholfreier Sekt, probier mal», und dass sie gerade am Testen sind, wie sowas ankommt. Ich richte meine Nase aus: prägnant staubige Noten eines in den 80ern auf dem Dachboden vergessenen Kartons Schallplatten. Im Mund: der ganze Charme sirupgetränkter Pappe, vermittels Kohlensäure effizient in die Gaumenstaffeln gedrückt. Grimassierend drücke ich das Glas dem Stubenmenschen in die Hand. Bis der wiederkommt, lasse ich mich mit Lambrusco di Sorbara-Kommentaren – «was für ein Schelm», «Papillen-Weckruf» – unterhalten.
Das neue Glas kommt. «Rot. Frankreich. Alkoholfrei.»
Ich danke. Was sich als übereilt herausstellt – niemand bedankt sich für eine karge, süß-saure Plempe, die von der Mutter aller Wischwasser abzustammen scheint.
Ich sacke in mich zusammen, weiss die Zeichen zu deuten, schaue kapitulierend zu Jo hinüber.
Der versteht, schiebt mir ein Glas zu. «11er Eolithe, Château Fosse-Sèche», klärt er auf.
Noch während ich den Saumur zur Nase führe, sieht die sich unversehens in einem Cassis-Hinterhalt mit Flankenhilfe von Paprika-Partisanen. «Du legst dich hier mit Cabernet Franc an», warnt es aus dem Glas, doch ich lasse bereits das Zäpfchen baden. Kraftstoff zur rechten Zeit. Das bald leere Glas nimmt den jahrgangsgleichen Chinon «La Croix Boissée» von Baudry auf.
«Kontrollierter», vergleicht Jo. Gerd: «Die Frucht liegt in der Tiefe.» «Noch ein bissel verschlafen», ist zu hören, und «Geschmackvoller Tanninflirt.»
«Wenn wir schon vom flirten reden…», setze ich an. »Fragt ein Riesling den anderen: ‹Na, hast du sie schon rumgekriegt?› ‹Noch nicht›, erwidert der, ‹ist ‘ne Scheurebe.›»
Feixen am Tisch, Kopfschütteln bei Gerd: «Da sind ja die Nachrichten lustiger, und die will echt niemand hören.»
Und diesmal grinsen wir alle.
Nüchtern betrachtet kannst du es dir manchmal einfach nicht aussuchen, zu wem du gehörst.

Andreas Bürgel
Erstveröffentlichung: VINUM, November 2014.
Illustration: Johanna Pietrek