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Vertrauensfrage

Vertrauensfrage2017-07-29T14:28:17+00:00
Karikatur - Johanna Pietrek

Vertrauensfrage

„Oppenheimer Krötenbrunnen. Immer gute Spätlesen“, sagt er mit dem Blick eines Nachrichten-Wettermanns, Gewissheit spendend, „echt lecker und keine drei Euro.“
Familienfeier.
Und ich bekomme gnadenlos die obligatorische lauwarme Kommunikationsdusche von irgendeinem Halbcousin. „Die Hauptsache ist“, prasselt es weiter, „es schmeckt. Wie ja dieser karierte Engländer im Fernsehen immer meint.“
Was in Ordnung wäre; schon die Römer wollten über Geschmack nicht streiten. Nur dass Mr. Pigott genaugenommen sagt: „Vertrauen Sie Ihrer Zunge.“ Das hingegen ergibt für mich Sinn, wenn’s der Leguan zum Chamäleon sagt; schließlich fährt kaum ein Tier so elegant und effektiv via Schleuderzunge Nahrhaftes ein. Kursiert dieser Spruch aber unter Kegelbrüdern der „Heringsbrucher Buddelkinners“, die sich auf eine Weinprobe verlaufen haben, taugt er so viel wie Flipflops auf einer Bergwanderung.
Die Zunge ist nur eine Rezeption mit Telefon, sie nimmt in Empfang und fragt bei Bedarf an höherer Stelle nach, was Sache ist – beim Gehirn nämlich, das darauf seine Datenbank durchforstet. Es funktioniert wie beim Musikhören: wir können nur mit dem etwas anfangen, was wir schon – zumindest ansatzweise – kennengelernt haben; setz meinen Nachbarn Erwin vor ein Tarab-Ensemble, der wedelt nach wenigen Minuten hektisch mit der Genfer Konvention.
Was nicht durch den Kopf gegangen ist und aus dem Bauch heraus beurteilt werden soll, erleidet einen Durchfall. Oder, wenn du es von Proust hören willst: „Was das erste Mal fehlt ist nicht das Verständnis, sondern das Gedächtnis.“
Mit einem „Alle meine Entchen“ im Erfahrungssäckel kann dir „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ locker als mustergültig, Keith Jarretts Pianoexkursionen aber nur als Frechheit erscheinen. Ohne brauchbaren Vergleichsstoff tillt die Hirnlade. Dann kannst du Ohren und Zunge vertrauen wie einer Leberpastete für 90 Cent. Also, denke ich mir, jeden Tag eine gute Tat, sorgen wir beim Halbvetter für eine Horizonterweiterung; für Erfahrungen jenseits von Entchen und Kröten. Ich hole zwei Gläser und ein paar angekühlte Kauer-Rieslinge.
Der trockene 12er Basis mit dem aufgepinnten Hausherrn sirrt über die Papillen. Eine Erfahrung wie zart-jugendliches Händchenhalten: prickelnd, etwas verspielt, hintergedankenfrei.
„Und?“, frage ich und bekomme ein „Ühüü“ aus einem unverhältnismäßig gespitzten Mund.
Ok, denke ich, Overload. Neuer Ansatz: Lernen durch Einsicht!
Der 12er späte, trockene Riesling des Bacharacher Kloster Fürstental gehört mit seinem Vetter aus dem Jahr 11 zur ersten Lehrstoffwelle. Der jüngere ist mit Doppelknoten verschnürte Energie, aber sekündlich entschlüpfen hier Kräuter, pellen sich Zitrusfrüchte aus ihrer Schale. Fein salzig. Grinsewein auf dem Selbstfindungstrip. Der 11er: Mineralität im Einsatz; unterstützt durch Undercover-Früchtchen, Grapefruit, auch Ananas. Und unreife Kiwi. Dazu mein Proseminar über Steillagen, Schiefer und Erträge, Typizität und Charakter.
„Das Zeug weckt auf“, nickt der Irgendwieverwandte. Gut, noch kein Kommentar auf Jarrett-Niveau, aber solides Bruno-Mars-Level. Ansporn, mein Missionswerk mit dem 11er Oberweseler Oelsberg Spätlese fortzuführen. Ebenfalls trocken. Mandarine und Zitrone auf Anmachtour, eine Mirabelle und einen unreifen Pfirsich zum Anlernen im Schlepptau. Eingespieltes Team, die beiden, treffen den Nerv, locken mit hintergründig süßem Lächeln.
Mein erwartungsvoller Blick erntet ein „Hat der Abgang?“. Klar hat der. Und ich habe Recht: nur ein wenig Erfahrung, eine Spur Information und du kannst auch Halbverwandte der Oscar-Peterson-Stufe entgegen heben.
Gerade überlege ich, was ich zur Belohnung nachlege, da dreht sich der Kerl weg, meiner sich nähernden Frau entgegen. „Hi! Kennst du Oppenheimer Krötenbrunnen? Absolut oberlecker. Du musst nur deiner Zunge vertrauen.“
Ich nehme einen Riesenschluck Oberweseler und lasse meine Finger ein wenig Tischklavier spielen.
Sie entscheiden sich für „Alle meine Entchen.“

Andreas Bürgel
Erstveröffentlichung: VINUM, Juli/August 2013.
Illustration: Johanna Pietrek