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Komplott2017-07-29T14:23:36+00:00
Illu AB Pietrek

Du hast es in reichlich und in wenig Kochwasser gelegt, bedeckelt und unbedeckelt gekocht, Sekunden gezählt, eine Garformel mit Durchmesserwert, Logarithmen und Temperaturvariablen gebüffelt.
Dennoch: Das Eigelb verbleibt unter einer Glibberhülse oder wird in die Totenstarre gekocht. Das perfekte Ei – es will dir nicht gelingen.
Und irgendwann erhärtet sich: Dahinter steckt eine Verschwörung; denn wer kann schon das Gegenteil beweisen?

 

Komplott

«Und Cäsar? Iran-Contra? Das Pazzi-Ding? VHS-Kassetten?»
Erwins Kinn zielt auf mich, und sein Blick versengt etwas Staub in der Luft zwischen uns.
«Nur weil so Aluhutträger fortwährend ‹Chemtrails› zischeln oder glauben, dass Elvis lebt und von Simon und Garfunkel gekidnappt wurde, damit der ihnen den Hüftschwung beibringt, heißt das nicht, es gäbe keine Verschwörungen.»
«VHS-Kassetten?», stutze ich, und Erwin nickt düster.
Dabei war er eigentlich guter Dinge.
Bis er vorhin beim Sekteinschenken «Méthode Gaillacoise» sagte, und ich über seinen Scherz kicherte.
Nur dass es kein Scherz war. Aber ehrlich – das klingt doch wie eine Parodie, wie irgendein Malapropismus: «Méthode Gaillacoise».
So wie «Salade Pizzoise» für eine allzu üppig belegte Margherita. Oder «OEufs à la Malheur» für verlorene Eier.
Aber nein. Kein Scherz. Und Erwin nahm meinen Fauxpas persönlich.
Einzig meine Begeisterung für den leicht trüben 14er Le Mauzac Nature der Domaine Bernard Plageoles – ein Fest weisser Blüten über Mandarinen auf fein geriebenen Nüssen – stimmte ihn halbwegs versöhnlich.
«Bist halt auch ein Opfer der Gaillac-Verschwörung», schloss er.
Doch mein spöttelndes «Unbedingt» machte ihn wieder fuchtig, und er begann mit dieser Cäsar-Pazzi -Tirade. An die er nun mit einem «Gaillacoise kennt keiner, Champagner aber jeder» anknüpft.
«Dabei hat der Dom Pérignon das Rezept im Gaillac geklaut. Gaillacoise gab’s da schon lange. Und danach haben DIE dafür gesorgt, dass niemand mehr vom Original erfährt.»
Ich schnaube ungläubig.
«Schon mal von Mauzac Rosé gehört?», bohrt Erwin unbeirrt. «Uralte Rebsorte. Aus der ist dieser Gaillacoise. Oder von Mauzac Noir? Vert? Braucol, Prunelart, Ondenc, Loin de l’OEil? Aber du kennst natürlich Cabernet, Merlot und Co. Weil die Leute aus Gaillac früher nur den Tarn als Verkehrsweg hatten – blöd nur, dass der in die Garonne mündet, und die gehörte den Bordelaisen. Ruckzuck kamen die Gaillacer da nicht mehr durch – und die Bordelaisen übernahmen die Kunden. Tschüss Braucol, hallo Cabernet. Und dann kam – was für ein Zufall – auch noch die Reblaus ins Gaillac.»
Ich greife mir das Buch von Erwins Tisch: «Das Grab im Weinberg», und mir fällt sofort ein, wie ich literweise Weinvierteler Veltliner trinken durfte, als Erwin die Polt-Reihe von Komarek auf dem Nachttisch hatte. Und unzählige Ahr-Burgunder, als er die Eichendorff-Bücher vom Henn las.
Bücher beeindrucken den Erwin. Doch bevor ich etwas sagen kann, beteuert er: «Hat die Gaillac-Sache eins a recherchiert, der Peter May.»
Ich brummele unbestimmt.
«Da kannst du nachlesen, wie DIE ihren Vin Bourru neutralisierten. Trüb, lieblich, nicht ausgegoren. Ein Hit in Paris. Durfte nicht sein, deshalb haben DIE via Europa den Trunk für nicht verkehrsfähig erklärt. Dafür bekamst du dann überall Federweissen aus Italien.»
«Dom Pérignon, die Bordelaisen, die EU. Und dann diese DIE,von denen du dauernd sprichst – die trilaterale Kommission? Illuminaten?» Ich schüttele unwillig den Kopf, während Erwin finster zwei Flaschen aufzieht.
«Braucol und Mauzac Noir. 2014. Auch Plageoles. Der Mauzac ist Tafelwein, weil DIE den Noir nicht rebsortenrein erlauben. Die Weine sind hier übrigens praktisch nicht zu bekommen. Wenn das keine Verschwörung ist.»
Die beiden sind eigenständig, differenziert, kommunikativ; beerenfruchtgetragen, tanningestützt. Johannisbeersträucher und frischer Pfeffer rahmen den lebhaften Mauzac. Im festeren Braucol kommen Himbeeren, vielleicht Kumquats, Veilchen hinzu.
Ich angele nach meinem Laptop, lasse eine hart arbeitende Suchmaschine ein Gaillac-Kaufersuchen bearbeiten.
Tatsächlich nur ein akzeptabler Treffer weit und breit.
Ich klappe den Laptop zu, und Erwin macht befriedigt sein Siehste-Gesicht.
«Okay», sage ich, «erzähl mir von DENEN.»

Andreas Bürgel
Erstveröffentlichung: VINUM, September 2016.
Illustration: Johanna Pietrek