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Osssy Serum: Stille Post

///Osssy Serum: Stille Post
Osssy Serum: Stille Post2017-07-30T12:13:52+00:00
Humbatätärää

Ossy Serum: Stille Post

„Ein Whitesnake-Ableger?“ fragt Erwin beim Reinkommen und deutet sichtlich missmutig auf den CD-Player.
„Du magst Whitesnake“, erinnere ich ihn, doch Erwin winkt mürrisch ab. „Die alten Sachen. Und nur, wenn ich gute Laune habe.“
Doch nach ein paar Sekunden: „Ist aber auch nicht Moody oder Marsden. Das hier ist besser.“
Ich nicke ihm zu. „Ossy Pfeiffers Projekt Osssy“, kläre ich auf. „Steve Mann und Martin Huch gerade gitarristisch unterwegs.“
„Rockt die Synapsen.“ Nachbar Erwin  besitzt offene Ohren. Und ein Zimmer, in dem zwei Wände aus CD-Regalen bestehen. Sammlerjunkie, jetzt aber clean. Er kauft fast nichts mehr. Alle Stories sind schon erzählt, sagt er, im Westen nichts Neues. Das macht ihn oft zu einem schwierigen Mitzuhörer.
Er setzt sich, absorbiert die Bluenotes der Gitarre, den Punch der Drums.
Riding on the gun, sage ich. „Von der Osssy – Serum“. Erwin nickt, und ja: er scheint sich über den Refrain zu freuen, kneift seine Augen bei Steve Manns Solo zu.
„Rockstadt Hannover, weisste Bescheid“, sagt er als Ossys Gesang wieder die Songregie übernimmt und ich schiebe ihm aufs Hannover-Stichwort ein Mashsee Trainings-Lager zu.
„Gibt’s keinen Wein?“, nörgelt er schmollend, hebelt aber die Flasche auf.
Ossy singt und spielt das Intro von Everytime, einem 90bpm-Druckerzeugnis, allseitig dick gepolstert. Dreiklangsorientierte Keys im Sound zwischen Businessclass-Flausch und Adrenalin-Attacke, drängende Gitarren, aus einem Passionsspiel entflohene und inzwischen gänzlich säkularisierte Turba-Chöre (in denen auch die hannoverschen Vokal-Monumente Andrea Schwarz und Anca Graterol singen) und Ossys Stimme, die mit der Gitarre von JJ Marsh um die Publikumsgunst buhlt. Meine Gunst haben beide.
Erwin beschnuppert beim Zuhören das großartig mit Simcoe und Crystal gehopfte Mashsee-Lager mit seinen Kumquats, anderen exotischen Früchten und Bitterkräutern, nimmt einen Schluck, schmatzt ungezwungen und sinnt dem ausgewogen hopfig-fruchtigem Abgang nach.
Drei Schlucke später gibt Certain things großes Musiktheater, ruft uns eine Riege Musikheroen auf: The Darkness schaut ums Eck, somit auch Queen („Wer brianmayt denn da?“, fragt Erwin), impressionistische Orchestersounds mit dem furiosen Gero Drnek ausnahmsweise mal an der Klarinette, ein Supertramp-Flashback, Weather-Report-Keys.
Aber glaube nicht, da ist jemand auf Klischee-Sammeltour. Nix. Da sind kommunikative Codes am Werk, da erzählt jemand Parabeln zum Leben des Rock’nRoll. Dazu singt der Bass von Lars Lehmann. Und baut an einem unantastbaren Songgerüst.
Yes“, sagt Erwin als sich Out of control aus den Speakern rollt. Das ist sowohl Zustimmung als auch eine Impulsmeldung aus seiner Hirnjukebox.
So eine Box hast du auch. Mehr oder minder gut bestückt. Kein Wunder, wenn ab der Geburt Tonreihen über uns schwappen. Intervalle, Skalen, Sounds werden zur Erfahrung, im Hirn verbucht. Du sammelst Melodien, erkennst Prinzipien, beginnst etwas zu verstehen und das anfängliche Schallchaos zu ordnen. Wiedererkannte Klangereignisse werden ein Teil deiner Hirnjukebox. Und die nimmt neben der Musik auch gleich die mit dem Hören verbundenen Emotionen auf. Speichert auch die. Hörst du irgendwann, Jahre später, einen Song, ein Motiv, einen Sound wieder, spülst du gleich die verknüpften Emotionen und andere Songs, die durch Sound, Architektur oder einfach durch deine Biographie in der Hirnbox miteinander verbunden sind, mit an die Oberfläche.
Wie eben der Erwin. Yes-Reminiszenz. Die schnell verblasst, als Anca Graterols Stimme einsteigt, kreativ Dampf in einem 90bmp-Rocktruck ablässt. Und weiter verblasst, als Ossys Keyboardsolo über die Drum-Grooves von Patrick Manzecchi uns emotional irgendwo in die Gamma-Ray-Zone schleudert.
Die Gläser sind leer, ich hebele zwei Baltic Porter von Mashsee auf. Hafensänger.
Das schwarze Bier klärt uns auf, wie gut Süßholz, geröstetes Malz, Kaffee, Toffe, Liebstöckel, Wacholder und Blaubeeren miteinander zurechtkommen, während uns Osssy bei I know demonstriert, warum sich ein einzelnes melodisches Ostinato gleich mit einigen Akkordkumpeln verträgt. Und als der Song Stadionchöre auf den Plan ruft, freut sich der Hafensänger in uns.
I know hat ordentlich was auf den Rippen – und das nutzt Kai Reuter, dem Ossy Pfeiffer hier die Gitarre überlassen hat, bestens aus: das legendäre Reuterbrett surft olympisch auf dem Energiestrom.
Rendezvous with the emptiness lebt maßgeblich von der Kooperation der Drummer-Legende Simon Philips mit Lars Lehmann am Bass. Und von der Karibikinfusion mitten ins Rückenmark dieses rockigen Popsongs. Was den Griff in die Kühlung nach einem kräftig gehopftem IPA mit Exotenquote unvermeidlich macht.
Ich fördere ein SHIPA, ein Singe Hop India Pale Ale von der Kreativbrauerei Kehrwieder zu Tage. Der Hopfen dafür kommt aus Australien, heißt Vic Secret und steht für aromatische Anklänge an Passionsfrucht, Ananas, Pinie. Erwin riecht Mango und Kiwi, findet Pomeranze und Quitte in den Malzrundungen für die Session mit den 65 IBUs, und seine Laune hebt sich zusehends. Die tyrannosauroesken Boogiestöße von 6 and 6 ain’t 23 samt der Scrutinizer-Bogeyman-Vocals von Ossy tragen ihr Übriges bei, und Erwin schaltet mal auf Dauerlächeln.
Als die Vocals durch eine fast psychedelisch bildgebenden Gitarre abgelöst wird, ruft Erwin „Zappa-Tritonus-Tortur“ in das Solo. Schert sich einen Dreck darum, ob irgendjemand versteht, was zur Hölle er damit sagen will. Er scheint’s aber gut zu meinen.
Mit Situation tost prototypischer Hard-Rock aus den Speakern. Denken wir.
Doch bald wird klar, dass hier weit ideenreicher als so oft gerockt wird. Keine Pflichtübung, das hier ist Kür. Als der Synth sich zum Solo aufpumpt, sagt Erwin „Manfred Mann“, während ich ein „Wakeman“ von mir gebe. Wir lassen beides gelten und treffen uns bei der Gitarreneröffnung von Starring at the mirror bei einem „Gilmore“.
„Und“, frage ich Erwin mit einem Blick auf die Anlage, „wurde alles davon schon gesagt? Wieder etwas, was wir eigentlich schon haben?“
Erwin  murmelt etwas von individuellen Prädispositionen in Rezeptionsprozessen und den differierenden Verarbeitungs- und Weitergabemodi von Inhalten, was eindeutig ein prononciertes „Häh?“ meinerseits erfordert.
„Stille Post“, setzt Erwin neu an. „Jemand sagt etwas, du erzählst es weiter, aber es muss vorher durch deinen Kopf durch. Was das Ganze verändert.“
„Stille Post“, wiederhole ich. „Und Osssy …“
„Hat hier eine ganz besondere Runde Stille Post mit uns gespielt.“
„Das ist gut?“, vergewissere ich mich.
„Sogar sehr gut“, nickt Erwin. „So, und jetzt spiel mir das Ding mal von vorne vor.“
So entlasse ich das phänomenale Hungry Souls aus den Prägerillen. „Mit Simon Philips“, sage ich.
„Und Steve Mann“, ergänzt Erwin und wedelt mit dem CD-Cover. „Die brauche ich auch. Und, äh, wenn du noch was von diesen Fläschchen hier hast, nur voll …“

Andreas Bürgel
craftbeer