Unfehlbar, ja wenn du mir so kommst, muss ich dir gleich sagen,
das ist nicht jedermanns Sache.
Lotto, so als Beispielfall, Lotto ist schon eher jedermanns Sache. Und da tricksen die Leute mit
Zahlenmystik, Zahlensymbolik, Statistik und Wahrscheinlichkeit und trotzdem bleibt der große Gewinn
irgendwo und irgendwie auf der Strecke. Was nicht so wäre, wenn Unfehlbarkeit mit von der Partie wäre.
Ist sie nun aber nicht.
Und schon deshalb ist sie nicht jedermanns Sache.
Außerdem fällt einem da sofort der Papst ein.
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Der ja so vom Typ her auch nicht grad unfehlbar ist, aber Unfehlbarkeit verliehen bekommt. Nun komm: für irgend etwas muss es ja schließlich gut sein, jenseitiger Stellvertreter im Diesseits zu sein. Aber auch so ein Papst ist nicht jedermanns Sache. Wenn du - wieder Beispielfall - als x-beliebiger Bischof intensiv vor dich hingrübelst, was man denn heute noch glauben kann und du kommst endlich in der Angelegenheit zu einem Schluss, den du den Leuten schwungvoll vorlegen willst und genau in dem Augenblick leiht sich der Papst, |
du als Bischof den kürzeren ziehst.
Na, frage nicht.
Und schon klar, dass du dich dann fragst, warum habe ich denn nun (ach!) Philosophie, Juristerei und Medizin,
und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn; da steh ich nun, ich armer Tor und komme
einfach nicht gegen dieses Unfehlbarkeitsdingens an.
Klare Sinnkrise dann. Geradezu schwarzer Gürtel der Sinnkrise.
Nun magst du sagen, so ein Bischof, der weiß doch, bevor er sich für seinen Job entscheidet, auf was er
sich da einlässt. Hätte er halt etwas anstreben sollen, in dem Unfehlbarkeit nicht im Berufsprofil vorkommt.
Gibt ja genug.
Na, das glaubst du.
Schreibst so vor dich hin und sagst den Leuten, hier ist mein Buch, könnt ihr ja kaufen, wenn ihr wollt.
Ja, hast du gedacht.
| Denn vielleicht kommt gerade der Literaturpapst vorbei, der Reich-Ranicki, blättert ein wenig in deinem Werk und schreibt sein "widerwärtig" darunter. Das war's dann, mein Lieber. Geh mal los und schau, ob du Glück hast und in der Kleinanzeigenabteilung des örtlichen Käseblatts unterkommen kannst. Viel mehr ist dann nicht mehr drin. Denn auch der MRR leiht sich bisweilen Unfehlbarkeit. Wird ja nicht umsonst Papst gerufen. |
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"Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie."
Ist original kanonisiert.
Bestsellerlisten kannst du vergessen, wenn der sein Verdikt gesprochen hat.
Ich sage dir, nichts ist sicher vor Unfehlbarkeit.
Ob du das gut findest, oder nicht.
Nimm jetzt mal den Fußball.
Früher vielleicht: der Ball ist rund oder elf Freunde müsst ihr sein oder vielleicht noch Fritzwalterwetter.
Variablen des Triumphs.
Oder der Niederlage.
Heute aber auch hier - ganz klar: der Unfehlbarkeit unterworfen.
Und was das schlimmste ist, der Fußballpapst ist kein knuffiger wenngleich gnatziger Reich-Ranicki-Typ.
Nicht mal ein Zausel wie der Netzer-Günther.
Dieser Papst hat weder einen Linienrichterlehrgang gemacht noch ist er überhaupt auch nur annähernd
menschlich zu nennen.
Er ist schlicht - ein Nahrungsmittel.
Irgend so ein Pulpo!
Ein Okrakel, wenn du so willst.

Dass da die Fußballspieler nervös werden und die ersten in den Sack hauen wollen, liegt auf der Hand, frage nicht.
Ein paar hatten schon zusammengelegt, für Kammerjäger.
Glatter Fehlschlag.
Also Demoralisierung auf der ganzen 100-Meter-Breite des Spielfeldes.
Die Kicker wollen einfach nicht mehr Marionetten eines Vielarmers sein. Und wer will es ihnen verübeln.
Ein paar Milliönchen mehr als Anreiz, weiter so zu tun, als wäre ein Spiel ergebnisoffen, als Anreiz für eine gute
Miene zum wahrhaft bösen Spiel - das wird nicht lange gut gehen.
Da ist die Initiative des neuen Bundespräsidenten, den Fußballern Verdienstorden zu verleihen, schon näher an
der Realität. Denn wer weiß - vielleicht schützt so ein Amulett ja.
Doch richtig glabuen will da derzeit niemand dran.
Mit der ungeregelten Unfehlbarkeiterei kann es einfach nicht weiter gehen. Soviel ist klar.
Die ist nicht fair gegenüber Bischöfen, nicht fair gegenüber der Literatur und schon überhaupt nicht fair gegenüber
den hart um ihre Fassung ringenden Fußballrecken.
Wir brauchen hier ganz klare Richtlinien.
Und vor allem: ein deutlich gesenktes Rentenalter für Unfehlbare!
Juli 2010
Andreas Bürgel



... nach der WM 2010



