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Der große Wein

Der große Wein2017-07-29T14:38:32+00:00
Kafffe
Vor einiger Zeit war ich auf einer Weinprobe. Einige Weine, denen Größe zugesprochen wurde, kreisten. Die Gesichter der Abschmecker aber – und dies war gar nicht uninteressant – wurden immer verbissener, verdrießlicher, je mehr Größe sie dem Wein zumaßen. Merkwürdig, dachte ich, denn es erging mir just entgegengesetzt. Und wie es so ist, wenn man sich als Freak fühlt: man begibt sich auf die Flucht.
Nach vorn. Nach hinten. Oder in die Phantasie.
Letzteres tat ich. Das Ergebnis ist ein Märchen.
Nun denn. Es fängt an.

Das Märchen vom Knaben und dem Großen Wein

Drüben in der Stadt gab es – ganz nah am Brunnen gelegen – eine kleine Gasse, in der ein Häuschen inmitten eines kleinen, aber gepflegten Gartens stand. Hier wohnte der Schneider, der Tischler oder der Schuster. Wer immer auch dort wohnte, er arbeitete jedenfalls hart und gewissenhaft und lebte schlicht und recht – wie es sich in ordentlichen Märchen gehört.
Seine Frau verhökerte wacker Gemüse und Früchte, die sie in dem kleinen, aber gepflegten Garten anbaute und alle Leute kauften bei ihr, weil sie so wunderbar sang und ellenlanges Haar hatte.
Der Schneider, Tischler oder Schuster und seine Frau hatten seit dreiunddreißig Jahren einen Knaben, der ihres Lebens Licht war.
Und wenn es Abend wurde kam der Schneider, Tischler oder Schuster von seinem harten, aber erfüllenden Tagwerk. Dann kam auch seine Frau mit wehenden Haaren aus dem Garten und der Knabe von seiner Halogenleuchte. Sie trafen stets gleichzeitig am Tisch ein um sich dort in trauter Gemeinsamkeit an Wildbret aus dem nahen Wald und dem Trunke vom Weinberg des Nachbarn zu laben.
Bei jedem Schlucke hüpften sie vor Vergnügen und bald schon tanzten sie dann, erfüllt von Freude darüber, wie der Wein alle Sinne in ihnen zum Blühen und alle Organe zum Funktionieren brachte.
Wäre dies von Dauer gewesen, hätte ihre Geschichte nicht in dieses – zugegebenermaßen etwas improvisiertes – Märchenbuch Eingang gefunden, sondern hätte als Serie „Die Waltons“ im deutschen Fernsehen der siebziger Jahren abgelöst. Es begab sich aber, dass eines Abends der Knabe sagte, er müsse in die Welt hinaus um den Großen Wein zu finden. Er habe von einem Manne gehört, der in das Geheimnis des Großen Weines einführe.
Und so ging er denn, mit nichts anderem als seiner Halogenleuchte und einem Handkäs als Wegzehrung.
Als er irgendwann nach vielen Abenteuern dann an das Haus kam, klingelte er über einem Namensschild, auf dem „Sommel Jeh“ eingraviert war. Und als ihm aufgetan wurde, stieß er hervor: „Gebt mir von dem Großen Wein“.
Sommel zeigte ihm sogleich eine Flasche, die der Knabe mirnichtsdirnichts an sich nehmen wollte.
Doch der Verwahrer fragte: „Knabe, was weißt du vom Großen Wein?“
„Ei, dass er die Sinne wecken wird“, sprach der Knabe.
Da sagte Sommel: „Geh und lerne. Wer den Großen Wein trinken will, muss der Eitelkeit entwachsen und Blendwerk vom Wesentlichen trennen.“
Und er setzte den Knaben vor ein Fernsehgerät, wo er sieben Tage und sieben Nächte das Programm verfolgen sollte. Am achten Tag kam der Weinverwahrer und fragte den Knaben, was es Wertvolles gesehen habe.
Der Knabe sprach: „Ich sah wohl alles, von einem Morgengrauen zum anderen und wieder anderen, doch von Wert sah ich nichts.“
Da freute sich der Verwahrer: „So hast Du denn gelernt. Frohlocke, denn der Große Wein wird bald in Deinem Pokale glucksen.“
„Bald erst?“, fragte der Knabe mit Furchen zwischen den Brauen.
Da lachte Sommel: „Ei, hast du denn die Sensibilität, die es braucht, um den Großen Wein trinken zu können, Knabe?“
„Ich hab‘ zwar einen Handkäs und eine Halogenleuchte“, sprach der Knabe, „aber Sensibilität brauchte es bislang nicht.“
„Geh und lerne“, sprach der Weinverwahrer erneut.
Und der Knabe musste sieben Tage und sieben Nächte in einer Männergruppe bei Tee, Kerzen und Wollsocken ausharren. So aber für sein restliches Leben sensibilisiert, ging er wieder zu Sommel, der ihm einen kristallenen Pokal reichte.
Die blitzende Schönheit des blutroten Weins, sein delikater Duft und die Aromenvielfalt ließen den Knaben tanzen und singen.
Da wurde der Verwahrer laut: „Das ist weder Art noch Weise sich mit dem und über den Großen Wein auszutauschen. Geh und lerne“, sprach er abermals und gab ihm eine große Rolle Vokabelpergament auf der „Vinokryptik“ kalligraphiert war.
Von „autochthon“, „Buttersäurestich“, „Cuve-close“ über „dekantieren“, „Extrakt“, „Federspiel“
bis hin zu „Thermovinifikation“ und „V.Q.P.R.D.“ enthielt die Rolle alles, was an Worten dem Großen Wein geziemte.
Nach sieben Tagen und sieben Nächten stand dann der Verwahrer des Weins wieder vor dem Knaben und seinem inzwischen unter der heiß gewordenen Halogenleuchte zerlaufenen Handkäse.
„Gelobt sei Lacryma Christi“, grüßte er.
„Und das in vier Versionen und unter strengen DOC-Vorschriften“, gab der Knabe zurück.
Da tätschelte Sommel des Knaben Kopf und sprach: „Nun, da du in Vinokryptik belesen bist, nutze von Stund an nur noch deren Worte. Die Tür zum Großen Wein steht dir nun schon fast offen. Gehe jetzt noch hin und kleide dich in schwarzes Tuch, ziehe unbequeme Schuhe auf die Füße und halte dir eine Frisur. Reiß nur ja viel Gold an dich und versehe alles um dich herum mit deinem Monogramm. Denn ohne all dies wird dir kein Großer Wein zuteil.“
So ging der Knabe denn los, um sich mit Tuch, Schuhen, Gold und Monogramm zu versehen. Auf seinem Weg kam er an einer Schänke vorbei, vor der ausgelassen plaudernd drei Weinbauern aus dem Dorf vor ihrem Trunk saßen. Sie freuten sich über ihren Wein, der sie nach jedem Schlucke auf ihren Stühlen hüpfen ließ. Als er auf seinem Rückweg im schwarzen Tuch mit seinen neuen Schuhen kämpfend – verzweifelt bemüht, nicht dauernd über seine Monogramme zu stolpern, die vor seinen Füßen herumtollten (denn sie waren ja noch jung) – erschöpft an derselben Schänke Rast machte, da saßen die drei Bauern immer noch da und hüpften gelegentlich weinselig auf ihren Stühlen.
„Ei Knabe“, so sprach ein Bauer, „kommst Du vom Sommel?“
„Auf dem Weg bin ich zu ihm“, entgegnete der Knabe.
„So nimm denn einen Trunk zur Stärkung“, bot ein anderer Bauer im Hüpfen an und der Knabe willigte ein.
Schon bald begann er unter dem kritischen Blick seiner Monogramme die Vinokryptik aufzusagen und spiegelte sich dabei in seinen Schuhen, um zu sehen, ob seine Frisur auch noch richtig lag.
Die Bauern schwiegen dazu. Nur hin und wieder hüpfte einer nach einem Schlucke Wein.
Da fragte sie der Knabe, der sich gerne wieder vom Weine einschenken ließ, ob denn sie nicht auch vom Großen Weine trinken wollten.
„Ei freilich“, sagten die Bauern im Chor und der Knabe hob an von Frisur und Monogrammen zu sprechen, während diese, müde vom Auslauf, unter seinem Stuhle zu Liegen gekommen waren. Da lachten die Bauern und einer von ihnen sagte: „Nun lausche, Knabe: dies hier im Glas ist der Große Wein.“ Erstaunt brachte der Knabe hervor: „Aber warum sind dann eure Gläser nicht nach dem goldenen Schnitt gegossen, eure Schuhe erdenbraun, warum hüpfet ihr wie Fröschlein, haltet euch keine lizenzierte Frisur und freuet euch des Lebens?“
Ein anderer Bauer entgegnete: „Du musst vom Sommel eines wissen: er hat in vielem Recht. Und er hat den Menschen viel vom Großen Wein erklärt. Doch eines Tages kaufte er sich ein günstig abzugebendes Wein-Gulag und hoffte auf baldige Gesellschaft. Aber niemand wollte dort einziehen.
Da wurde der bald einsam gewordene Sommel traurig und trauriger. Schließlich verkündete er, dass nur der den Großen Wein trinken dürfe, der schwarzes Tuch trage, Monogramme halte und in den Gulag einziehe.“
„Und die Menschen haben ihm das abgekauft?“, frage der Knabe ungläubig.
Da blickten die Bauern schweigend auf das schwarze Tuch des Knaben. Die Monogramme starrten zurück und die Frisur bog sich ein wenig.
Der Knabe begann zu grinsen, nagelte die Schuhe als Rasierspiegel über das nächste Waschbecken, brachte die Monogramme in ein Heim und hüpfte von da an wieder beim Weine auf und ab.
Sommel aber schickte einen Bannfluch über ihn.
Doch der erreichte ihn nicht, da der Fluch unterwegs in einen Buschenschank einkehrte und dort heute noch sitzt.
Auch wenn sie nicht am Leben sind, so sterben sie nicht heute.

Andreas Bürgel