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Dickfellig

Dickfellig2017-07-29T17:25:20+00:00
Guckloch

Dickfellig
Jetzt gibt’s was auf die Rippen

Schön, eigentlich hätte ich lachen können. Eine billige Eastwood-Imitation bleibt eben eine billige Eastwood Imitation und wirkt somit – wie alle verunglückten Plagiate – ein wenig ulkig. Ein Möchtegern-Eastwood wird auch nicht besser, wenn sich zwei Augenpaare zugleich um diese legendäre Diamanthärte im Blick bemühen.
Du darfst da einfach kein Amateur sein, sonst geht die Sache in puncto Starrkraft unweigerlich nach hinten los. Und … du darfst dabei keinesfalls vermatschte kniehohe und zudem knallblaue Gummistiefel samt einem schmutziggrünen Jäckchen aus der letzten Jagdbedarfsversteigerung tragen, oder – wie im Fall der zweiten Amateuraugenpaare – ein watschelig-träger Labrador sein. In beiden Fällen kauft dir einfach niemand den Clint ab. Da kannst du noch so stumm starren.
Aber mir war irgendwie nicht nach lachen. Mein Kopf pendelte zwischen den mich in vermeintlicher Desperado-Manier perforieren wollenden Augenpaaren hin und her, auf und ab und produzierte dabei die lautlose aber drängende Frage, was zum Teufel ich denn nun schon wieder angestellt haben mochte. Ja, ich hatte den Gruß der Tageszeit entboten. Und dies, obwohl ich den jenseits des Pensionsalters stehenden Jägerjockel und seinen etwas kurzatmigen Vierbeiner gar nicht kannte. Die kamen Unbedenklichkeit ausstrahlend des Weges. Dachte da halt spontan: bin ich mal freundlich, ist ja sonst keiner hier, hier draußen, auf dem elend langen Feldweg, mitten im ungebremst sich aufspielenden Novemberwind.
Aber was mir sonst vorzuwerfen wäre … ich kam beim besten Willen nicht drauf.
Wurschtegal. Schultergezuckt und weitergegangen. Willie und Lou vorneweg – auch ich war nicht alleine. Die beiden Iren machten mit mir eine Runde. Zwei von der angelsächsischen Hunderennprofitmaschine aussortierte Greyhounds.
Und just die beiden waren, wie mir eine gute halbe Stunde später klar werden sollte, auch der Grund für die verunglückte Verclinteastwooderisierung der sonst eher umgänglichen Hundespaziergängerschaft dieser Gegend. Wieder im Ort sah ich mich nämlich ruckzuck wieder in der Rolle des Opfers. Des Opfers einer zutiefst unappetitlichen und – ja – würdelosen Krümelattacke.
Der Zufall wollte es offenbar, dass wir drei just in dem Moment an dem Bäcker, der das Anbinden von Hunden vor seiner Niederlassung verbietet, vorbei gingen. Eine recht schwergewichtige Frau kam, ein angebissenes Croissant wie einen Krummsäbel schwingend auf mich zugestapft und spotzte mir energisch ein Gutteil des eben noch in ihrer Mundhöhle befindlichen Backwerks auf den Mantellatz.
Was ich mir denn denken würde, mir einen weiteren, einen zweiten Hund anzuschaffen, wenn ich es nicht einmal schaffte, den ersten anständig zu ernähren. Alle Rippen sehe man ja. Von „widerwärtiger Erscheinung“ und einer „Knochenharfe“ war die Rede. Oder vielmehr das Gezeter.
„Weib“, sagte ich im redlichen Bemühen, sie zu besänftigen, „diese Tiere haben einen wahrhaft gesegneten Appetit den wir auch weit mehr als nur angemessen zu stillen uns immer wieder glücklich schätzen dürfen.“
Darüber schien sie eine Sekunde nachzudenken. Aus irgend einem Grund erblickte sie in einem knappen „Arschloch“ die naheliegende und adäquate Erwiderung an meine Adresse.
Da mir Streit fern lag, wollte ich die Sachlage aufklären und dann nach Hause.
„Sie werden nun mal keine Konfektionsgröße 58 für Greyhounds finden, die sind so nicht gebaut“, beschied ich der weiträumig Bekörperten.
„Ich trage 54“, empörte sich das Backwarengrab und ergänzte die Behauptung kurzerhand mit einem „Arschloch“, als wäre es ein besonders ausgefeilter grammatikalischer Kniff.
„Aber was ich sagen will, ist doch, dass Greyhounds einfach nicht mästbar sind.“
Das „Arschloch“ kam diesmal ohne jede Vorüberlegungen dafür aber mit dem begleitenden Farbenspiel einer sich sättigenden Gesichtsrötung zustande. Nein, so konnte das nicht weiter gehen.
Ein Witz. Zur Entspannung. Wir sind doch alle auf der selben Seite; irgendwie. „Sehen Sie“, sagte ich und probierte dabei das Schelmenlächeln von Günther Jauch, „es muss doch auch jemanden geben, von dem man ein Porträtfoto ohne Weitwinkelobjektiv schießen kann, oder?“
„Aaaarrrschloch!“
Wahrscheinlich hatte Jauch härter an seinem Lächeln gearbeitet, oder die Frau stand eben nicht auf Jauch. Es war auf jeden Fall Zeit, das Weite zu suchen, so viel war spontan klar. Wir dampften also ab.

Irgendwann in den Siebzigern war es, da sang ein Mann namens Knut Kiesewetter „sie sind grühün“.
Ein fröhlich Liedchen über das Anderssein und wie knorke und wirklich echt supergut das doch eigentlich ist.
Die letzten Meter bis zu unserer Behausung fühlte ich mich ganz entschieden grühün.
Aber knorke war das allemal nicht.
Der sich meldende Ärger in mir war zwar noch bestenfalls Regionalliga, aber klar ein Aufstiegskandidat.
Ich kickte einen Stein auf dem Bürgersteig weg.
Dann sah ich die Greys an.
Die wiederum mich.
Und – ich wette drauf – die beiden grinsten. Über das ganze Gesicht.
Wahrscheinlich tauschen Greys dauernd untereinander Rippenwitze aus – keine Ahnung, jedenfalls wirkten die, als habe sie der ganze Zinnober auf das Köstlichste amüsiert.
Ein dickes Fell ist keine Frage des Speckmantels. Diese Botschaft kam an. Ich grinste zurück.
Breit.

Andreas Bürgel
Willie & Lou

Willie & Lou