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Massenjustiz

Massenjustiz2017-07-29T14:50:08+00:00
Guckloch

Massenjustiz
Justitia ist blind

Das war’s dann ja wohl.
Blicken lassen kann ich mich da jedenfalls erst mal nicht, so viel steht fest.
Und warum kann ich dir noch nicht mal genau sagen. Hat aber mit Physik zu tun, mit Masse.
Masse bestimmt die Trägheit eines Körpers, wie der Physiker sagt. Und dann musst du noch wissen: ein träger Geist in einem trägen Körper – lateinische Wahrheit.
Aber ich seh‘ schon, du verstehst nicht. Pass auf: ein praktisches Beispiel: Normal ist, wenn dir einer auf Stöcken gehend entgegen kommt, dann machst du dem armen
Kerl Platz. Sogar dann, wenn er dir sagt, dass es ihm gar nicht schlecht geht und die Stöcke zu seinem exklusiven LIDL-Nordic-Walking-Komplettset gehören.
Aber normal ist nicht immer real.
Denn real kommt dir nicht einer auf Stöcken entgegen, sondern mindestens zweieinhalbdutzend Figuren. Naturgesetz. Und dann natürlich nicht die Frage, ob du Platz machst, sondern viel mehr,
wo da überhaupt noch Platz ist, zum Hineinretten.
Glaub nun aber nicht, dass die Stockträger das irgendwie anfechten könnte. Masse und Trägheit.
Die merken erst gar nicht, dass da einer mit stetig steigendem Puls verzweifelt eine Nische zum Sichreindrücken, eine freundliche Schneise für einen rettenden Hechtsprung sucht. Und selbst
wenn sich die Lage langsam in deren Hirn zusammensetzt, nützt das wenig. Weil sofort ein weiteres Gesetz greift: Recht durch Stärke.
20 von diesen Walkern sind rein körperlich stärker als einer wie du, und wenn dann mal doch nicht, helfen die Hartmetall-Flexspitzstöcke eben ein bissele. Du ziehst gegen die auf jeden Fall den
Kürzeren – und das wissen die eh. Da brauchen die erst gar nicht die Vatikanischen gehört haben, die kurienmäßig verkündeten, dass es pur auf die Zahl ankommt, dass somit auch die Kritiker des
Papstes gar nicht Recht haben können, eben weil sie auf Weltniveau kein Gewicht haben, du weißt, weil sie weniger sind als die katholische Weltmasse, nein, das weiß diese Heimsuchung aller Bodenbrüter
mit diesen Hartmetall-Flexspitzstöcken auch ohne Kurie, quasi Unfehlbarkeit des Pulks.
Was ich dir denn nun eigentlich erzählen will? Pass auf, ich sag’s noch mal anders: Wenn jemand mit einer rauchenden Kugel monoton singend auf der Straße herumläuft, ist der binnen
10 Minuten in fürsorglichen, wenngleich kräftigen Händen. Sind da 600 bei der Sache, dann ist das eine Prozession und du darfst nicht mal hupen, nur schön brav deine Zeit absitzen, bis die sich
wegpsalmodiert haben. Genau das gleiche gilt für grünbejackte „Schützenliesel“ bölkende Blechordenträger mit geschulterten Karabinern und für fahnenschwingende FC-Ballerbü-Fans mit Presslufthörnern.
Die Masse macht’s, genau. Wenn du spontan zahlenmäßig nicht mehr aufbieten kannst, als die dir gegenüberstehende Mitbürgermasse, bist du nun mal naturrechtlich im Unrecht.
Es war Markttag im Nachbarort.
Keiner von den Märkten, auf die man unbedingt gehen muss. Kein abseits des Agrarindustriewahns selbst produzierender Bauer, dafür ein Riesenmobil mit zentnerweise blassrosa „Landwurst“ zum Schleuderpreis, ein Stand mit kalkweißen KZ-Hühnern, ein Fischstand mit hinlänglich chemieangereicherter Aquakulturware aus Fernost.
Aber eben auch ein Ständchen mit Tiroler Käse. Vor dem ich mich anstellte.
Direkt hinter zwei Ehepaaren mit Kaffeefahrtmentalität, die offensiv darauf bestanden, sich zunächst einmal durch die feilgebotene Milchproduktion hindurch zu probieren und es dabei nicht unterließen, ein jedes mal über den ihnen zuvor bekannten, da angezettelten Preis zu schimpfen. Bis dann schließlich doch ein Stückchen gekauft wurde, von dem dann bitte, nein weniger, noch mal weniger, denken’s denn, wir essen nur Käse, guter Mann, ja so ist gut, Erwin zahl mal, nächstes mal kaufen wir wieder bei LIDL.
Na endlich. Den auffordernd fragenden Blick des Standmanns beantwortete ich gerade mit „ein Stück vom Gebirgsschaf“, als mit ohrenzusammenziehender Intensität eine Stimme krähte: „Sie sind noch längst nicht dran, junger Mann“.
Rein inhaltlich betrachtet war das eine minderschwere Falschaussage, vom klangästhetischen her schlichtweg eine Völkerrechtssache.
Zu dem meldepflichtigen Organ gehörte ein kleiner, sich auf einen Rollator stützender Körper, aus dessen eher spärlich behaartem Kopf kampferprobte Augen blitzten. Die Frau hatte das Mitsiebzigerdasein locker hinter sich gelassen, wirkte aber kein bisschen müde. Freundlich erklärte ich das Starten meines Bestellvorganges als gänzlich in Einklang mit sämtlichen ethischen,
moralischen und warteschlangentechnischen Normen befindlich, erntete aber ein hörnervschädigendes „Unverschämter Flegel.“
Was mich in tiefes Brüten darüber fallen ließ, wann ich das letzte mal oder ob ich überhaupt jemals so genannt worden bin. Als ich gerade entscheiden wollte, das es sich hier um eine Premiere handelte und Oma Sharif das wissen sollte,
gewahrte ich, dass sich andere Senioren von ihren Einkaufsvorhaben ab- und uns zugewandt hatten. „Vorgedrängelt“, zeterte es hinter dem Rollator hervor und ein stattlicher, wenngleich krummer Zeigefinger deutete zitternd auf mich. Ich schaute mir den Rollwagen der Frau genauer an, konnte aber keinen zum Ritt bereiten Besen daran befestigt sehen, dennoch kam ich mir vor, wie in ein Märchen geraten. Ein ganz schlechtes Märchen.
Denn nun fingen auch die anderen an, daran Gefallen zu finden, mich anzugeifern.
„Mit uns könnt ihr’s machen, was?! Haste gedacht, Bürschchen!“ bölkte ein Mann in bestem Blockwartston und erntete ungeteilte Zustimmung bei den Umstehenden, deren rein rechnerisches Gesamtalter mittlerweile locker im vierstelligen Bereich angekommen war. Und der Ring um mich wuchs. Die Rollwagen in der hinteren Reihe klapperten bedrohlich, die in der ersten wurden mir attackenmäßig gegen das Becken gerammt, Gehstöcke wurden vereinzelt gehoben. Hier bekam das Wort „Leibgericht“ zunehmend eine unschöne Bedeutungsvariante.
„Entschuldige dich bei der Dame!“, rief es aus der Masse der Grauhäupter. Und prompt skandierte ein scheppernder Chor: „Ent-schul-di-gen, ent-schul-di-gen …“
Was soll ich noch erzählen, ich vollführte einen Kotau und verzog mich.
„Lass dich hier nicht mehr blicken, Lackel“, hörte ich noch.
Und da kein Bürger es mit so einem Rüpeligen wie mir zu tun haben will, wird das wohl das beste sein. Haben ja alle schließlich gesehen, was ich mit der armen Frau …

Wen wundert es, dass ich mich öfters spontan zu ähnlich Geschlagenen hingezogen fühle.
Wie erst neulich zu einem kleinen Saar-Riesling. Aber ja, liegt auf der Hand: Ein Forstmeister Geltz-Zilliken Saarburger Rausch Kabinett trocken von 2008 war es. Mit Betonung auf Kabinett und
trocken. Einer, der es weder zu kalt, noch zu warm mag. Eher leicht in Alkohol und Körper, trotz des unverhohlenem mineralischen Eindrucks durchgängig spielerisch, mit verhaltener Zitrusfrucht.
Mehr ein Fingerschnipps denn ein Paukenschlag, mehr Akupunktur als Massage, ein entspanntes Vorsichhinpfeiffen, kein Jericho.
Einer von denen, denen man immer seltener begegnet, denen man kaum noch Regalplätze freimacht. Die vor den zahlenmäßig wachsenden „international trockenen“ Rieslingen mit ihren kleinen Süßefähnchen kaum Chancen haben.
Die neben den schmelzigen oder pfirsichdröhnenden oder holzgewürzten Platzhirschen verzichtbar wirken, in ihrer Gegenwart zu verschwinden scheinen.
Auch der kleine, aber feine durchgegorene Kabinett mit seinen 11 Prozenten: ein Opfer der Massenjustiz.
Da fällt unsereins das Solidarisieren doch leicht, oder?

Andreas Bürgel
veröffentlicht Febr. 2014 bei Winetimes.com