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Dixie who?

Dixie who?2017-07-30T12:04:29+00:00
Humbatätärää

Dixie who?
Randbemerkung zu den „Dixie Dregs“

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ Keine Ahnung, was die gute Gertrude damit meinte, sage ich meinem alten Kumpel, der dieses Zitat mit erhobenem Zeigefinger bringt. Graue mathematische Ahnungen aus der Schulzeit suggerieren mir, dass eine Gleichung A=A die Vollkommenheit an sich ist.
A=A=A hingegen erscheint irgendwie geschwätzig, redundant. Mathematische Stotterei.
Mein Kumpel verweist auf die Berühmheit dieses Zitats, was es für ihn irgendwie unanfechtbar macht.
Er mag Zitate. Erklären aber kann er sie nicht.
Etwas getrübten Blicks sehen wir wieder auf den Bildschrim.
Da läuft „Dixie Dregs live in Montreux 1978“, eine selbst für das ungeheuer facettenreiche Montreux-Jazzfestival sicherlich einzigartige Darbietung. „Eine Country-Music ist eine Country-Music ist eine Country-Music“, sage ich nach einer Weile gespannten Zuhörens. „Das ist klar wie der Morgen: nimm das erste eine als unbestimmten Artikel, das zweite eine als Ausdruck der Singularität, das dritte eine wieder unbestimmt, und alles klärt sich.“
„Klar wie der Morgen“, grummelt mein Kumpel und versucht ein paar Rückschlüsse auf eventuell quälende Nächte und entsprechend zerrüttete Nerven meinerseits zu ziehen.
„Warte“, sage ich, „ich übersetze: Eine Country-Music ist, wenn sie konkret hörbar wird, diese eine Country-Music, die du gerade hörst und wird dennoch mit ihren Eigenarten und Singularitäten unter den Begriff Country subsummiert. Also im Prinzip: A=B=A. Im Grunde paradox!“, jubele ich.
Mein Kumpel perfektioniert den leeren Blick und schüttelt müde den Kopf. „Mach mir echt Sorgen um dich …“, murmelt er.
„Pah!“, entfährt es mir. Oder zumindest ein ähnlich klingender, nicht anders schreibbarer Laut. Und da das nicht sonderlich eloquent klingt, bemühe ich mich: „Dem jeweils Konkreten kann durch das Abstrakte des Begriffs nicht gerecht werden, ist doch klar! Lyle Lovett ist nicht Johnny Cash ist nicht Dixie Dregs.“
„Eine Rose ist keine Rose ist keine Rose?“
„Genau“.
Und da tönt auch schon – wie auf Stichwort – „Patchwork“ aus den Speakern.
Dixie Dregs zelebrieren das, was sie Avandgarde-Country nennen. Ihr Markenzeichen. Oder eines davon. Bluegrass und odd-meter-Rhythmen, etliche Country-Zitate, respektlos verfremdet. Mit höchster Spielfreude gespielte lange Melodiewürmer, die sich immer wieder winden und um sich selbst rotieren.
Das ist nicht nur bei „Patchwork“ so. Es durchzieht gemeinsam mit Rock- und packenden Funkgrooves die meisten Stücke der Dixie Dregs; Zutaten für immer wieder neue Schmankerl.

„Freefall“ der Opener der DVD und zugleich Titel der allersersten DD-LP von 1977, hatte uns drei Stücke vor „Patchwork“ eher den Rock- und Funkbereich serviert. Doch nicht nur die Violine in der Band, die zudem aus E-Gitarre, E-Bass, Keyboards und Drumset besteht, lässt immer wieder ein bestimmtes Countryfeeling aufkommen.
Hardcore-Country.
Die Dixie Dregs, das waren (allen voran) Steve Morse an der Gitarre, Mark Parrish an den Tasten, Allen Sloan, Violine, Andy West am Bass und Rod Morgenstein an den Drums.

„Steve Morse, Steve Morse, den Namen habe ich doch schonmal gehört … „, sinniert mein Kumpel.
„Achwatt“, fällt es ihm ein, „‚Steve is God and in Lord we trust‘ – stand das nicht auf den Spruchbändern der Purple-Fans?“ Und jepp! Er hat’s. Es ist eben der Morse, der später bei Kansas und dann eben bei Deep Purple einiges an Popularität eingeheimst hat.
Nicht dass er vorher irgendwie weniger bemerkenswert war. Vielleicht sogar bemerkenswerter als bei Purple – wenngleich er jener Band mit seiner Musikalität endlich den Gitarristen beschert hat, den diese hart arbeitenden Vetranen der straight-ahead- Musik verdienten. Schon lange.

„Leprechaun Promenade“, der Nachfolger von „Freefall“ auf der DVD, hört sich wie eine gut erzählte Geschichte an.
So gut erzählt, dass sie 1979 auf die „Night of the living dregs“-LP gepresst wurde. Immer wieder kleine, leichtfüßig ausgeführte überraschende Wendungen, dabei Spannungsbögen aus sirrendem Stahl.
Der Titel „Country house shuffle“ (ebenfalls später auf der „Nights of …“) täuscht diejenigen, die hier ein nettes, beschauliches Stücklein erwarten. Es packt die Eingeweide. Das Guitar-Picking mit dem Violinen-Double erscheint über dem unterlegten Rockgewitter geradezu als Hohn – und dennoch passt alles wunderbar zusammen.
„Attila the hun“ (1981 auf der „Unsung Heroes“ zu hören) greift viele vorangegangenen Elemente auf, fügt sie neu zusammen, passt bestens ins Bild.
„The Bash“ (auch das kam auf die „Nights of …“) lässt die Mundwinkel des Montreux-Jazz-Publikums endgültig nach oben ziehen. Vom Groove her kommt die Nummer ganz traditionell daher, Hinterwäldler-Country. Und das Stück ist in der Tat einfach mal traditionell, nur spielt hier halt nicht irgendwer, sondern es ist Steve Morse, der die Montreuxer und uns mit seinem Picking elektrisiert. Das ist schon ein Klasse für sich. Allen Sloan tut auch bei „The Bash“ sein Bestes, fällt beim Battle mit Morse aber doch ein wenig hinten runter. War vielleicht nicht ganz sein Tag, damals …

Montreux tobt aber dennoch. Und mein Kumpel und ich toben ein wenig mit.
Wie manch andere beim Fernsehfußball.
„Night of the living dregs“, später dann der Titel des 1979er Albums, demonstriert, wie ein klar strukturierter und differenzierter Sound mit ineinander verschachtelten Linien zumindest ebenso antreibend wirken kann, wie ein Powerbrett. Nein, eigentlich mehr noch: dass eine gewisse Durchsicht im Klangbild zu mehr Power führt, als das Brett. Das kommt übrigens auf vielen Stücken, die im Studio von den Dregs produziert worden sind, nocht deutlicher zum Ausdruck. Namentlich auf ihrer 1977 veröffentlichten ersten Platte, „Freefall“, die – ich gestehe – immer noch meine Lieblingsscheibe der Band ist. Was nicht nur daran liegt, dass die LP seinerzeit gar nicht mal so leicht zu bekommen war. Nur über den Import. Und das hieß, sich ein kleines unabhängiges Plattenlädchen suchen mit Leuten, die sich um Musik und MusikhörerInnen kümmerten. Lange Zeit gab es dann einen ganz kleinen Kreis von – meist jungen – Musikern in und um Hannover, die sich mit dem wissenden Blick ansahen. Klares Erkennungszeichen der „Freefall“-Besitzer. Wir wissen ein wenig mehr über Musik als die anderen, war die Botschaft.
Klar, so etwas gab es auch unter Lesern oder Cineasten. Aber was bedeutete es schon, tagaus tagein mit Hesses „Steppenwolf“ unterm Arm rumzulaufen, wo dem doch gerade wieder mal ein paar Sonderausgaben gewidmet wurden. Wir hatten etwas viel besseres; nicht nur Musik, die kommerziell absolut floppte und die von der breiten Hörerschaft nicht oder nur extrem widerwillig wahrgenommen wurde, sondern auch Musik, die du ganz individuell bestellen musstest um drauf ein paar Wochen zu warten.
Wir waren der Wahrheit verpflichtet.
Und die gab es nicht an jeder Straßenecke wie Lem, Godard oder eben den Hermann. Die DDs wurden zum geheimsten Statussymbol der Gegend.

„Wages of weirdness“ ist wieder ein Paradepferd unter den voranpreschenden Nummern der DVD.
Typisch für die Band bist in die letzte Sechzehntel. Und der Western-Schluss der Nummer sagt noch einmal laut, mit wem man es hier zu tun hat.
„Take it off the top“ (von der „What if“) rockt straighter als die anderen Titel. Vielleicht ein Grund, weshalb er bis heute eines der bekanntesten Titel der Band geblieben ist.
„Kathreen“ lädt wieder zum high-speed-Squaredance und handclapping ein, bis die Pfoten glühen. Die „Frankenstein-Gitarre“ (Selbstbau aus Telecaster-Body, Stratocaster-Hals, Gibson-Bridge, fünf Pickups …) von Morse erfreut und erstaunt auch bei „Kathreen“ wieder Fans, die dachten, doch schon alles gehört und gesehen zu haben.
„Dixie“ ist genau die Hymne, die man sich unter dem Titel vorstellt. Ein wenig schneller vielleicht. Und … wurde die eigentlich schon immer in Moll gespielt?

Das Bonus-Material der DVD umfasst „Punk-Sandwich“ – diesmal mit T.Lavitz an den Keyboards – in suboptimaler Tonqualität; aufgenommen auf „Don Kirshner’s Rock Concert“ 1979.
Zwei weitere Bonustracks entstammen dem „American Bandstand“ aus 1982.
„Crank it up“ und „Bloodsucking Leeches“. Hier darf die Band schon nicht mehr „Dixie“ heißen. „The Dregs“ soll ausreichen. Meinte das neue Label „Arista“ (seit 1980). Dixie klingt ja auch verdammt nach „Alexanders Ragtime Band“ … bis man mal eine DD-Platte auflegt. Ob es am Dixie lag, dass die Dregs hierzulande so wenig gespielt wurden – wohl kaum, denke ich.
Wie auch immer, geholfen hat der rockigere Name den Verkaufszahlen nicht.
Das nicht und auch nicht die Idee, dass die „Nur noch Dregs“ mit Vocals arbeiten sollten – wie auf der Veröffentlichung „Industrial Standard“ geschehen. Übrigens die erste LP der DD, die mich unmittelbar nach dem Kauf ziemlich enttäuschte. Das schien nicht mehr die alte Band – obwohl die Leute immer noch höllisch gut spielen konnten. „Bloodsucking Leeches“ beweist dies absolut. Mark O’Connor ersetzt hier übrigens den gegangenen Allen Sloan an der Violine. Und dass der auch Gitarre spielen kann, zeigt er im Bonusteil der DVD ebenfalls.
Alex Ligertwood, dessen Stimme auch viele Santana-Scheiben füllt, ist sicher ein guter Sänger. „Crank it up“ aber erscheint ein wenig verkrampft auf „Hitauskopplung“ zu machen. Das ging schief. Leider.
Das meint auch mein Kumpel.
Zustimmung erhält nun von seiner Seite auch die vor einer guten halben Stunde noch geächtete Gleichung A=B=A.
Und das wird unter Kumpels gefeiert mit einer zweiten DVD, die der Player sogleich schluckt.
Leider sind DD-DVDs nicht gerade marktüberschwemmend. Aber es gibt glücklicherweise für Enthusiasten mindestens eine weitere wirklich hörenswerte DVD – eine der Steve-Morse-Band, dem legitimen DD-Erben im Trioformat. Hier sind noch einmal einige der DD-Titel für ein bemerkenswertes Live-Konzert in Baden-Baden 1990 gepflegt worden, das in der „Ohne Filter“-Reihe im TV gesendet wurde.
Dave LaRue am Bass (der auch mit den Dregs, beispielsweise auf der 2000er CD der wieder Dixie [!] Dregs benamten Band „California Screaming spielt) und Van Romaine an den Drums komplettieren das Trio hier.

„Ice cakes“ von der 78er DD-Scheibe „What If“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie die DD in diesem Format weiter leben. Technisch beeindruckend und ungeheuer musikalisch gespielt. Das Material ist einfach alterslos.
Knochentrockener Funk. Und auch ohne Keys und Violine hört man hier die DDs.
„Rock’n’Roll Park“ von der 81er DD-Veröffentlichung „Unsung Heroes“ zeigt auch hier, wieviel Spass es immer noch
macht, wenn gute Musiker straight rocken.
„Pride of the farm“, ein Highspeed-Bluegrass-Fingerbrecher in bester DDs Manier (aus 1980; LP „Dregs of the earth“), klingt streckenweise wie mindest von einem Quintett gespielt. Und wenn Morse dann seine Picking-Ausflüge startet, würde es sowieso genügen, ihn ganz alleine zu hören.
Auch Steve-Morse-Band – Originale zeigen, wie entscheidend Morse für den Dregs-Sound und das musikalische Konzept verantwortlich war. „Sleaze Factor“ etwa ist beste DDs-Tradition. Aber auch das musikalisch ganz anders gelagerte „Point Counterpoint“ als Bass-Gitarrenduo mit – musikalisch gesehen – barocker Architektur ist eine Fortführung von DD-Tradition. (Nicht von ungefähr folgt diesem Titel das eher introspektive „Night meets light“ von der zweiten DD-LP „What if“.)
„Cruise Missile“, ein Steve-Morse-Band -Original und die Zugabe des Konzerts“, brennt sich dann noch einmal in den Gehörgängen der Zuhörer fest.

Unglaublich, was die drei Musiker da abfeiern können.
Rockige Unisonos, Starkstrom Grooves, basssige Stahlnetze, muskelbildende Becken-Punshes.
Die Bonusse dieser DVD lohnen sich ebenfalls. Kannst du glauben: Steve-Morse Band von 1984. Wieder „Ohne Filter“. Diesmal mit dem DD-Trommler Rod Morgenstein und dem Bassisten Jerry Peek.
Grandios das „Refried funky chicken“ von dem oben bereits gefeierten DD-Debut „Freefall“.
Nicht minder interessant der bereits genannte Country vom Nürburgring „Pride of the farm“.
Vom (nichts desto trotz schönen) Gitarrensolo „Northern lights“ gefällt mir persönlich die Studioaufnahme zu DD-Zeiten besser.
Ein Promo-Video von „Cruise Missile“ rundet diese Veröffentlich und unsere kleine DVD-Session schön ab.
Zum Schluss noch, für Interessierte (na, für wen denn sonst): die www vom Steve Morse; die lautet ganz einfach: www.stevemorse.com
Da gibt’s dann Interviews, Diskographie, Fotos, kleine Filme …

Andreas Bürgel