Kafffe

Kein Verkauf an Genießer
Warum Genießer nerven.

Über Konsum kannst du sprechen. Musst du aber nicht. Denn wen interessiert schon dein blocknormgeformter Panadefisch mit Kartoffelsalat aus der Kantine oder deine Augenwurstvesperstulle.
Ganz anders ist die Sache mit dem Genuss. Da musst du kommunizieren, mit allen Mitteln. Praktisch Gesetz.
Nicht dass du denkst: geteilte Freude und so. Mitgeteilter Genuss wird nicht gedoppelt, Co-Genießer wollen mit mehr als nur mit Darstellungen versorgt werden. Genuss musst du mitteilen, damit den anderen klar wird, was für ein Hecht in der ansonsten öden Tümpelwelt du bist. Sonst im Grunde nur Treibgut, während du als Genießer garantiemäßig triebfrei bist – Herr über Sinne und Bedürfnisse, quasi also über dich selbst, also von vornherein ganz andere Liga, frage nicht.
Wenn sich Budenwurst, Rumkugeln und Fritteusenhahn locker die wehr- und widerstandslosen Hungerhaken gleich welcher Körperausführung krallen, herrschst du als selbstbestimmter Genießer souverän und über das globale Angebot an Kulinaria. Sich von einem nach notwendigen Brennwerten schreienden Körper schwitzend auf die Grillplatte mit extra Pommes hetzen lassen und nach dem nächsten Halben Export zu gieren, praktisch modernes Neandertal.
Das ist vielleicht die menschliche Natur. Aber eben keine Kultur. Sushi, Melonenkaviar, Gemüsegelee: Codes für echte Kultur.
Aber ja, aber ja, die musst du natürlich erst mal decodieren können. Nur … was hast du davon, wenn du dich perfekt kultiviert hast und das nicht zeigen kannst. Kastration glatte Verniedlichung.
Der gelungene Akt der Decodierung einer Speisenfolge im „El Bulli“, praktisch der unanfechtbare Beweis kultureller Kompetenz – und niemand hat’s gesehen… Kennerschaft ohne Anerkennung, ehrlich, das ist nichts! Quasi ein Model auf dem Laufsteg ohne Publikum: nur eine weitere verstörte Walkerin.
Und rausgeschmissenes Geld sowieso.
Deshalb, vor allem deshalb gibt’s jetzt Genießertreffs.
Und Genießerclubs. Und Genießerwettbewerbe. Genießerpunkte ohnehin.
Und Messen. Ja, was glaubst du denn. Genießermessen musst du gesehen haben!
Da kannst du erleben, was für eine Kunst Genießen ist, und dass das eine klar ernste Sache ist. Was verdammt lustig sein kann. Besonders, wenn die ernsthafte und grüblerische Genießerhaltung allein nicht ausreicht und man dazu noch genießerisch reden muss, ich kann dir sagen. War ja praktisch Augenzeuge mit Ohren.

Hannovers Stadthalle ist gefüllt wie ein Eimer Kartoffelsalat; kaum ein Durchkommen möglich und was sich hier alles so tummelt will man eigentlich gar nicht wissen. Ein Wochenende lang Genussmesse – natürlich die Gelegenheit, weinglasschwenkend Punkte als Genießer vor Ort zu sammeln.
Und das für nur 10 Euro.
Dass man sich dafür kostenlos praktisch einmal quer durch die Önologie trinken darf, ist für die geizgeilgeschulten Niedersachsen nicht gerade abschreckend, was glaubst du.
Ein Glas nehme ich mir erst gar nicht. Wenn ich etwas finde, werde ich zu Hause probieren.
Nicht dass du jetzt denkst: Tröpfchen Wein und Tröpfcheninfektion, also praktisch Schweinevogelgrippenpanik. Eher Unbehagen in der Kultur, ja was meinst du, die schlägt hier erbarmungslos um sich. Gleich der erste Genießertrupp trifft präzise.
Mitten aus einem Viererkordon von Hauptstädtern, die sturmfest und erdverwachsen einen Platz direkt an einem Winzerstand behaupten, keult mich ein Unterarm. Die an dessen Ende verwurzelte Hand umkrallt reflexgleich die vor mir stehende Flasche und hievt sie mit entschlossenem Schwung ins Innere des Quadrupels. Blanc de noir trompetet es irgendwie unbestimmt französisch aber ganz bestimmt affektiert in Richtung eines allgemeinen Adressaten.
Das gibt noch keinen Genießerpunkt.
Ohs und Ahs aus der Gruppe signalisieren, dass man hier in der Lage ist, mit solchem Kellerfranzösisch mithalten zu können.
Aber durchaus gelungene Aufwärmübung, sag ich dir.
Der Winzer dann recht schnell dabei, weil die Gruppe die in gefühlten 28 Grad Umgebungstemperatur leidende Schauflasche unverzüglich öffnen will.
Mit der Kühlschrankversion aber wird dann ernst gemacht.
Die Blume.
Und erst die Kirchenfenster am Glas, ja was denkst du, klares Genussversprechen.
Und witzig, so ein Blanc der noch dazu Noir, das merkt ja sonst kaum einer, außer echte Codeknacker in Sachen Genuss.
Also Punkte über Punkte für jeden im Quartett.
Ob der Preis aber …, wird der Winzer angepault.
Vielleicht, fragt der Winzer die Genießer, lieber doch mal den Gutsriesling?
Na, das ist eingeschlagen, sag ich dir. Die Viererbande jubelt. Gutsriesling! Den trinken wir doch immer gerne, nicht wahr.
Egal, wo der herkommt.
Und nicht, dass du glaubst, ich erfinde hier Geschichten, quasi Münchhausen oder Bush.
Das haben die gesagt – und sich dabei eifrig heimlich Genießerpunkte zugeschustert.
Ganz anders, und dabei irgendwie genau so, ein Ehepaar, dass nach jedem Schluck nach dem Preis der Flasche fragt und dessen Begeisterung für die „Tropfen“ proportional zur jeweiligen Höhe ansteigt. Beim Ordern dann keine Flasche unter 20 Euro, bitte.
Genuss zahlt sich aus. Insbesondere, wenn du Mitgenießern bei passender Gelegenheit dezent Genusswertigkeiten objektivieren kannst. Ein wirklich exquisiter Tropfen, nicht wahr, und das für nicht einmal 38,50. Sag bloß!
Am Stand schräg gegenüber zentrifugieren zwei Damen ihren Wein schwindlig.
Quasi Glasplaneten auf ihrer Nasenumlaufbahn.
Schnüffeln nonstop.
Gibt auch Genießerpunkte, die Technik des Vernasens.
Manchmal reicht es, stundenlang mit einem Glas vor seiner eigenen Nase zu wedeln, um ordentlich abzuräumen.
Nur wer vernast hier wen?
Schließlich fragt der Weinberater hinter der Theke, ob’s denn ein flüssiges Dessert sein dürfe.
Darf es. Natürlich nicht kommentarlos; Gelegenheit zu punkten, Genießerehrensache. Ob denn der Fachberater etwas echt Kurioses über Süßwein wissen wolle. Sicher, sagt sein Fachberatermund. Sein Gesicht erzählt anderes.
Süßwein, so kommt es verschwörerisch mit Zeigefinger und Mimik und allem, Süßwein wird immer in Nullkommafünfliterflaschen abgefüllt. Unglaublich, nicht wahr?
Findet der Fachberater auch.
Denn Botrytis und Alkoholgehalt und Trockenbeeren oder vereiste Trauben, das hat der Fachberater alles schon gehört und erwartet, frage nicht. Aber Nullkommafünfliterflaschen, ich sage dir, Schock hier klar Euphemismus. Tapfer aber füllt er die Gläser und die Nasen werden wieder umkreist.Zwanzig Runden braucht es da schon. Genießertechnisches Minimum.
Während von allen Seiten Bouquet und Abgang und Struktur und Mineralik, ja besonders Mineralik, doziert wird und es Punkte hagelt, dass du dich ducken musst, um nicht ernst verletzt zu werden.
Ob der Winzer denn wisse, dass der Riesling der König der Weine sei, höre ich. Auch, dass Rotwein vor allem mit Olivenöl. Und Knoblauch. Und kennst du diese schöne Geschichte vom Fisch, der zweimal schwimmen muss.
Vereinzelte Aahh-Rufe, meist verbunden mit einem auf der zweiten Silbe gedehnten Chardonnay.
Oder einem Barrique, wobei das Aah dann eher sakral gleich einem Amen gelingt und das Barriquewort ein wenig tabernakelt wird.
Dem Nahewinzer wird gesteckt, dass ja derzeit Rheinhessen DAS Weingebiet ist. Vielleicht stimmt es ja, denke ich, und Wein ist ein Gefühl.
Offenbar aber eins, das keine Rücksicht auf die Gefühle der Winzer nehmen muss.
Die jedenfalls scheinen mir unter all den Genießern auf deren ureigenen Messe mit dem Ansteigen der Genießervitalität immer blasser zu werden.

Dieser Tage erreichen uns die Angebotsschreiben aus den Weingegenden.
Habe ich es geträumt, oder stand in einem: „Kein Verkauf an Genießer“.
Verdenken könnte ich es nicht, ja was glaubst du.

Andreas Bürgel