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Convenience

Convenience2017-07-29T14:24:01+00:00
Illu AB Pietrek

«Extra-kräftiger Edamer» im Dauer-Sonderangebot, das Instantpulver im Kaffeeregal ist wieder ausverkauft, Tüten-Tortellini-Türme warten geduldig darauf, in wasserbaderhitzten Beutel-Saucen unterzugehen. Der in Bezug auf Nahrungsmittel erkenntnisneutrale Konsument eroberte die Pole-Position im Lebensmittel-Marktgeschehen. Folglich fordert er allseits das ihm gebührende Angebot ab. Und alle gehorchen.
Alle?
Nein! Einige Unbeugsame hören nicht auf, Widerstand zu leisten…

 

Convenience

«Schon zurück von der Essenseinladung? Dann war’s ’ne Pommesbude mit jährlicher Auszeichnung der Körperverletzungs-Innung.»
«Nö, so’n Kettenrestaurant», unterrichte ich Erwin.
«Ah! Der neue Laden mit dem Ausrufezeichen-Reservat als Speisekarte?»
Ich nicke: «Satzzeichen beim Sturmangriff im Überzeugungskampf.» In der Tat scheint die Karte mit Slogans wie ‹Die rundeste Pizza der Welt!› oder ‹Burger-Rechte für alle!› vornehmlich aus Schlagzeilen zu bestehen; und sie liebt die gefühlsechte zweite Person Singular (‹Dein Glück – unsere Steaks›).
Auch der mir unbekannte Kellner nutzte dieses traditionell eher Vertrauten vorbehaltene Personalpronomen so überzeugend (‹Hey, super, dich zu sehen!›), dass ich spontan über eine vergessene gemeinsame Vergangenheit nachgrübelte.
«Die Restaurants dieser Kette haben sämtlich die gleiche Karte; sollten sich ‹Korporal Identity› oder so nennen», frotzelt Erwin, «erobern jedenfalls stramm das Feld.»
«Wie drüsiges Springkraut,» sage ich müde, «wo das steht, gedeiht auch nichts anderes mehr.»
Wir legen eine Schweigeminute für unsere Lieblingsweinstube ein, die letztens aufgeben musste. Als Handarbeiter in Konkurrenz zur Systemgastro erscheint dir dieses Sisyphus-Ding wie lockeres Aufwärmtraining.
Gleichermassen keimfrei wie ökonomisch sinnvoll Vorproduziertes, das unter Schutzatmosphäre zum Ketten-Lizenznehmer kommt, lässt sich eben zeit- und energiesparend gabelfertig machen; zu einem gefühlt attraktiven Preis – vor allem dann, wenn auf der Karte ein Bio-Siegel platziert wird.
«Erzähl, wie’s war», fordert Erwin.
«Da gibt’s nicht viel», raffe ich mich auf. «Kulinarische Komfortzone für die Müden und Beladenen. Menüs gibt’s nicht, Zusammenhänge könnten ja strapazieren.»
«Episodismus schlägt Interdepenz?», Erwin grinst.
«Absolut. Überschaubarkeit gehört zum Erfolgsrezept. Wem im Leben tagtäglich das Unkalkulierbare auf den Magen schlägt, der flüchtet in solche gastronomischen After-Work-Zonen. Dahin, wo’s zumindest auf den Tellern keine Überraschungen gibt.»
«Schuster, bleib bei deinen Spareribs,» schmunzelt Erwin, «und schau nicht über den Tellerrand, Horizonterweiterung macht schwindlig.»
«Ja, da kannst du auskosten, was schon längst nicht mehr gekostet werden muss», bestätige ich. «Geruch, Geschmack, Konsistenz: alles aus dem Kitschlabor für Massentauglichkeit, das auch Schlupfbermudas und Knöcheltattoos verantwortet – und Songs, die jeder Pflaumenaugust gleich beim ersten Hören mitsingen kann.»
«Kaloriengewordene Gemeinplätze», schlägt Erwin vor.
«Das Ideal gustatorischer Trivialität», steuere ich bei. «Hab‘ mich jedenfalls schnell vom Acker gemacht, maligne Langeweile.»
Erwins Versuch, mitfühlend zu wirken gelingt zwar so gut wie Café crema aus Instantpulver, aber immerhin holt er ein Fläschchen «für den Horizont.»
Der Wein läuft ungefiltert trüb ins Glas, um dort delikate Zitrusfrucht, den Duft fester Aprikosen und den von Kräutern zu verströmen.
Riesling. Unverkennbar, aber einzig. Trillert auf der Zunge, fordert Aufmerksamkeit, schlägt einen fesselnden Spannungsbogen über Frucht und Mineralik, überrascht mit etwas Tannin, erspielt reichlich Resonanz.
«Conveniencefrei», beschreibt Erwin.
«Systemgastro-Blues-Versteher», meine ich, denn der Wein mit dem Gangsterkettchen auf dem Etikett vertreibt mit der gebotenen Gnadenlosigkeit alles Schale aus Kopf und Knochen.
OPP, Weingut Carl Koch. Eine Extra-Charge von Heiner Maletons 14er-Riesling aus dem Oppenheimer Herrenberg. Spontan, null zugesetzter Schwefel, Maischestand weit über die Nacht.
«Aber irgendwie stimmt’s», kichert Erwin ein wenig später. «Solche Horizontverschieber machen doch ein bissel schwindelig.»
«‹Schwindelnd trägt er dich fort auf rastlos strömenden Wogen, hinter dir siehst du, du siehst vor dir nur Himmel und Meer›.»
«Ist ja gut, hab verstanden», stöhnt Erwin. Und geht OPP-Nachschub holen.

Andreas Bürgel
Erstveröffentlichung: VINUM, Oktober 2016.
Illustration: Johanna Pietrek